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Letzte Aktualisierung: |
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Milzbrand-Attacken: Was nun?
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Über Panik, Pest und Politik - Warum Sie eher vom
Blitz getroffen werden als vom Milzbrand. 15. Oktober 2001 Ein Kommentar des Sunshine-Project. |
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| Politische Perspektiven statt überstürztem Aktivismus Vieles deutet darauf hin, dass die Milzbrand-Fälle in Florida, New York und Washington tatsächlich durch gezielte Angriffe mit den tödlichen Bakterien verursacht wurden. Panik ist jetzt jedoch genauso wenig angebracht wie die Debatten über Impfstoffe oder Gasmasken. Das Risiko für den Einzelnen ist immer noch als extrem gering einzuschätzen, und nur langfristige politische Initiativen werden letztendlich die Gefahr durch biologische Waffen verringern helfen. Die viel größere Gefahr liegt perspektivisch in der geheimen Biowaffen-Forschung der USA, die derzeit schnurstracks auf ein neues biologisches Wettrüsten zurast. Es muss jetzt auch sichergestellt werden, dass im Kampf gegen den Terrorismus keine biologischen Waffen zur Vernichtung von Drogenpflanzen in Afghanistan eingesetzt werden. Da darf es keine "uneingeschränkte Solidarität" durch die Bundesregierung geben. Das Risiko ist gering Nach wie vor gilt, dass es derzeit in Deutschland wahrscheinlicher ist, vom Blitz getroffen zu werden als von einem Milzbrandbakterium. So paradox es klingt: Gerade die jüngsten Vorfälle in den USA bestätigen das. Nach dem heutigen Informationsstand hat es bereits mehrere Angriffe mit Biowaffen gegeben (in Boca Raton, New York und Washington), doch nur ein einziger Mensch ist dabei an Lungenmilzbrand verstorben, bei drei weiteren hat es eine Erkrankung gegeben. Für den verstorbenen Bob Stevens und seine Angehörigen ist dies unendlich tragisch, doch muss andererseits festgehalten werden, dass die Horrorszenarien mit Tausenden oder gar Millionen von Toten in den amerikanischen Großstädten offensichtlich weit überzogen sind. Wir spekulieren nicht darüber, wer hinter den Attacken steht. In der Vergangenheit haben auch rechtsradikale Gruppen in den USA mit Milzbrand hantiert, deshalb sollte nicht automatisch der Verdacht auf islamistische Gruppen fallen, obwohl das natürlich durchaus eine Möglichkeit wäre. Wer auch immer hinter den Milzbrand-Attacken steht wir wissen heute, dass die Täter über Milzbrand-Bakterien verfügen und diese als feinen Staub herstellen können. Dies ist schon schwierig genug und kann nicht von Einzelpersonen "auf dem Küchentisch" bewerkstelligt werden. Der sehr viel schwierigere Teil eines Biowaffen-Angriffes ist jedoch die Verteilung der Krankheitserreger. Milzbrand ist nicht ansteckend, Epidemien können also nicht entstehen. Nur diejenigen Personen, die direkt bei einem Angriff die Erreger einatmen, wären betroffen. Wird die Attacke bemerkt wie es z.B. bei präparierten Briefen jetzt als sicher vorausgesetzt werden kann lässt sich Milzbrand problemlos mit einer Reihe von Antibiotika behandeln. Verfahren, biologische Waffen großräumig als feinen Nebel über einer Stadt auszubringen, sind außerordentlich komplex. So hat die US-Armee in den 1950er und 60er Jahren fast 20 Jahre Forschungsanstrengungen unternehmen müssen, um dieses Problem zu lösen. Dieses Wissen ist nirgendwo frei verfügbar. Deshalb können wir mit sehr großer Sicherheit annehmen, dass keine Terrorgruppe der Welt in der Lage ist, mehr als nur einzelne oder maximal einige Dutzend Menschen zu infizieren. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit künftiger Biowaffen-Attacken recht groß sein mag: die Bedrohung für den Einzelnen ist vernachlässigbar gering. Über Impfstoffe und andere Schnellschüsse Jetzt neue Impfstoffe für Milzbrand oder andere typische Biowaffen-Erreger zu entwickeln hätte wenig mehr als nur einen Placebo-Effekt, es würde genauso wenig helfen wie die Panikkäufe von Gasmasken und Antibiotika. Impfungen sind vor allem deshalb von zweifelhafter Effizienz, weil kaum gegen das gesamte Spektrum von B-Waffen-Erregern geimpft werden kann. Jedes uns bekannte Biowaffen-Programm aus den vergangenen Jahrzehnten hat immer eine Reihe verschiedener Erreger entwickelt. Würde Deutschland jetzt gegen Milzbrand durchgeimpft, würde dies einem potentiellen Angreifer natürlich bekannt sein. Er könnte dann auf andere, ebenso effektive Biowaffen wie Hasenpest, Cholera oder Pest zurückgreifen. Selbst eine Milzbrand-Impfung schützt nicht unbedingt gegen jede Art von Milzbrand-Erregern. Die Vielfalt der möglichen Erreger und ihrer Varianten macht einen Rundum-Schutz unmöglich, zumal die Gentechnologie hier noch ganz neue Möglichkeiten eröffnet. 1997 wurde bekannt, dass russische Forscher durch eine Genübertragung Milzbrand-Bakterien so verändert haben, dass die bekannten Impfstoffe nicht mehr vor ihnen schützen. Die US-Armee hat bereits angekündigt, dieses Experiment selbst auch wiederholen zu wollen. Der hektische Aktivismus könnte sogar eher nach hinten losgehen. Im Golfkrieg sind in Israel über ein Dutzend Menschen an Gasmasken erstickt, weil sie nicht im richtigen Gebrauch geübt waren. Der Milzbrand-Impfstoff der US-Armee hat bekanntermaßen große Nebenwirkungen jetzt die Bevölkerung der Bundesrepublik durchzuimpfen könnte zu mehr Schäden führen als jemals durch bioterroristische Attacken realistisch anzunehmen sind. Mit Ausnahme einer Vakzine gegen die Pocken, auf die weiter unten eingegangen wird, sind Impfungen gegen Biowaffen als reine Beruhigungspillen ohne echte Wirkung zu sehen. Genauso sind die Rufe nach einem Einsatz der Bundeswehr für den Fall bioterroristischer Angriffe nichts anderes als politische Trittbrettfahrerei. Sinnvolle internationale Initiativen Der einzige wirkliche Schutz vor Biowaffen liegt darin, von vornherein ihre Entwicklung zu verhindern. Selbst weltweit vernetzte terroristische Gruppen sind für erfolgreiche B-Angriffe auf staatliche Programme oder zumindest auf die Zusammenarbeit und das know how ehemals staatlicher Akteure angewiesen. Nationale Biowaffen-Programme zu verhindern oder zumindest extrem zu erschweren muss das erste Ziel einer internationalen Initiative gegen Biowaffen sein. Verbindliche Offenlegungspflichten von allen zivilen und militärischen Biolaboren sowie Vor-Ort-Inspektionen sind ein wichtiger Baustein, um staatliche Offensivprogramme zu verhindern und damit perspektivisch die B-Quellen der Terrorgruppen trocken zu legen. Die besondere Tragik der heutigen Situation liegt darin, dass es gerade die USA waren, die im August einem rechtlich verbindlichen Protokoll zur Stärkung der Biowaffen-Konvention eine Absage erteilt haben. Die globale Allianz gegen den Terrorismus bietet jetzt eine neue Chance, auch der US-Regierung die Zustimmung für ein rechtsverbindliches, multilaterales Protokoll abzuringen. Ende November beginnt in Genf die 5. Überprüfungskonferenz der Biowaffen-Konvention, auf der angesichts der aktuellen Bedrohungssituation dringend neue Lösungen gefunden werden müssen. Als Schutz vor dem Bioterrorismus sollten weltweit alle Länder strenge Gesetze gegen die Entwicklung von Biowaffen erlassen. Länder, die noch nicht Mitglied der Biowaffen-Konvention sind die sich besonders im Nahen und Mittleren Osten häufen sollten verstärkt zu einem Beitritt bewogen werden. Zudem müssen mögliche Schlupflöcher im Biowaffen-Verbot gestopft werden. Informations- und Forschungsstelle zu biologischen Waffen Die Initiative der Bundesregierung, beim Robert-Koch-Institut eine Informationsstelle Biowaffen einzurichten, ist begrüßenswert. Sie sollte unbedingt auch in Zukunft weitergeführt werden. Zudem sollte das Bundesforschungsministerium die Einrichtung einer unabhängigen Forschungsstelle zu biologischen Waffen ins Auge fassen. Derzeit existiert in Deutschland abgesehen vom sunshine project keine Einrichtung, zu deren originären Aufgaben die Biowaffen-Problematik gehören würde. Der Mangel an Expertenwissen sowie an aktuellen Forschungsergebnissen ist in den letzten Wochen schmerzhaft deutlich geworden. Eine solche Forschungsstelle wäre bevorzugt in einer Institution anzusiedeln, die bereits mit der Technikfolgenabschätzung der modernen biomedizinischen Techniken befasst ist. Dringliche Arbeitsfelder wären unter anderem die Entwicklung innovativer Verifikationsansätze für das internationale Biowaffenverbot, gründliche Schwachstellen-Analysen z.B. bei der Trinkwasserversorgung oder bei der Fortbildung von Ärztinnen und Ärzten sowie eine besonnene Analyse der Bedrohungslage durch den Bioterrorismus. Biowaffen im Drogenkrieg Ganz dringend müssen jetzt die Bundesregierung und die anderen Staaten der Allianz gegen den Terror den USA das Versprechen abringen, im Kampf gegen den Terror keine biologischen Waffen einzusetzen. Angesichts der gegenwärtigen Rhetorik in den USA, nach der mit "allen zur Verfügung stehenden Mitteln" der Terror und seine finanziellen Quellen bekämpft werden sollen, ist dies leider nicht mehr auszuschließen. Dabei geht es nicht um Milzbrand oder andere menschliche Krankheitserreger, sondern um Pilze zur Vernichtung Drogenpflanzen. Seit über zehn Jahren unterstützen die USA Forschungen an einem Schädling des Schlafmohns, um die Heroinproduktion in Asien zu bekämpfen. Dieser Pilz wurde ursprünglich im Biowaffen-Programm der früheren Sowjetunion isoliert und in den letzten Jahren in Usbekistan zur Einsatzreife weiterentwickelt, mit finanzieller Unterstützung aus den USA. Auch die US-Landwirtschaftsbehörde in Beltsville nahe Washington forscht intensiv an diesen Pilzen. Im Sommer diesen Jahres sind die Entwicklungen abgeschlossen worden, der Mohnkiller steht jetzt einsatzbereit zur Verfügung. Es steht zu befürchten, dass die USA die Gelegenheit ergreifen und die gegenwärtige weltweite Stimmung ausnutzen, um hier einen Präzedenzfall zu schaffen. Die langfristigen Folgen wären fatal, dass weltweite Tabu gegen biologische Waffen wäre gefallen. Obwohl die Entwicklung und der Einsatz der Anti-Drogen-Pilze ein klarer Verstoß gegen die Biowaffen-Konvention wären, hat bislang kein Land offiziell dagegen Protest eingelegt. Jetzt wäre der Zeitpunkt dazu gekommen. Über Pockenviren Eine der größten Errungenschaften der Menschheit war die weltweite Ausrottung der Pocken in den 1970er Jahren. Eine Infektion mit Pockenviren verläuft in vielen Fällen tödlich, eine Behandlung gibt es nicht, und die Pockenviren sind extrem ansteckend. Angesichts der heutigen globalen Mobilität wäre eine weltweite Epidemie mit Millionen von Toten fast unvermeidlich, wenn Pockenviren jetzt wieder in Umlauf gebracht würden, sei es durch einen Unfall oder durch einen Einsatz als Biowaffe. Beides ist außerordentlich unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Pockenviren sind offiziell weltweit nur noch in zwei Hochsicherheitslabors in den USA und in Russland verfügbar. Gerüchten zufolge sind jedoch zu Zeiten der Sowjetunion einzelne Proben auch in andere Länder gelangt. Obwohl dies eher unwahrscheinlich ist und bislang durch nichts belegt wurde, kann es nicht ganz ausgeschlossen werden, dass die tödlichen Viren heute auch anderswo verfügbar sind. Anders als bei den recht leicht erhältlichen Milzbrand- oder Pestbakterien ist es aber eher unwahrscheinlich, dass Terrorgruppen Zugang zu dem heiklen Material haben. Ein Einsatz als biologische Waffe erscheint vor allem deshalb als so unwahrscheinlich, weil eine Pockenepidemie vor allem die ärmeren Länder treffen würden. Abgesehen vielleicht von Weltuntergangs-Sekten wie der japanischen Aum Shinrikyo wird eine politisch motivierte Gruppe mit einem Stellvertreteranspruch es wohl kaum riskieren, eine unkontrollierbare globale Epidemie auszulösen, die auch und besonders die eigenen Leute treffen würde. Trotzdem ist weder der Einsatz von Pockenviren als Waffe noch ein Unfall in den Hochsicherheitslabors mit hundertprozentiger Sicherheit auszuschließen. Der einzige Schutz würde dann in schnellen und entschlossenen Impfungen in den betroffenen Gebieten liegen, um ein Ausbreiten der Krankheit möglichst einzudämmen. Trotz des sehr geringen Risikos muss deshalb die Entwicklung und Bevorratung eines Pockenimpfstoffes anders bewertet werden als für die weiter oben angesprochenen "typischen" Biowaffen-Erreger Milzbrand oder Hasenpest. Erstens geht es hier um Notimpfungen NACH einem Ausbruch der Krankheit und nicht um prophylaktische Impfungen, zum zweiten gibt es keinen anderen medizinischen Schutz gegen Pocken. Ein Hinweis in eigener Sache Das sunshine project steht vor dem finanziellen Aus. Bislang wurden wir von politischen Stiftungen in den USA und Deutschland finanziert. Für das kommende Jahr habe wir bislang jedoch noch keinerlei finanzielle Unterstützung sicherstellen können. Deshalb sind wir dringend auf jegliche ideelle, praktische und finanzielle Hilfe angewiesen. Der Verein sunshine project e.V. ist vom Finanzamt als gemeinnützig anerkannt, Spenden sind steuerlich absetzbar. Konto Nr. 1250 1252 73 bei der HASPA, BLZ 200 505 50. Tausend Dank. |