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Keine Panik!
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Eine Einschätzung des Sunshine Project zum Bioterrorismus
Jan van Aken, 25. September 2001 |
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Zunehmend dominieren in den Medien Meldungen über mögliche terroristische Anschläge mit biologischen Waffen. Landwirtschaftliche Sprühflugzeuge in den USA erhalten Flugverbot, Wasserreservoirs stehen unter Polizeibeobachtung, CNN sendet Bilder von einschlägigen Zivilschutzübungen, es ist die Rede von hunderttausenden möglichen Toten. Wie realistisch sind diese Horrorszenarien? Zusammengefasst kann unserer Einschätzung nach ein kleinräumiger und begrenzter biologischer Anschlag nicht mehr ausgeschlossen werden, großflächige Angriffe sind dagegen äußerst unwahrscheinlich. Momentan ist es in Deutschland sicherlich wahrscheinlicher, von einem herunterfallenden Dachziegel als von einem Milzbrandbakterium getroffen zu werden. Einen wirklichen Schutz vor biologischen Waffen gibt es nicht. Der einzig sinnvolle Ansatz zur Prävention ist es, von vornherein durch strenge internationale Kontrollen zu verhindern, dass biologische Waffen überhaupt erst entwickelt werden und in Umlauf gelangen. Auch das muss dringend ein integraler Bestandteil der aktuellen diplomatischen Initiative von Colin Powell werden. Die Terrorakte des 11. September lassen die Bedrohung durch Anschläge mit biologischen Waffen tatsächlich in einem neuen Licht erscheinen. Während in Expertenkreisen die Gefahr durch den Bioterrorismus bislang als eher gering eingeschätzt wurde, setzt langsam ein Umdenken ein. Vieles spricht dafür, dass gut vernetzte und langfristig arbeitende Gruppen in der Lage sein könnten, biologische Waffen wie Milzbrand einzusetzen, wenn wohl auch nur kleinräumig und in eng begrenztem Umfang. Dabei muss betont werden, dass ohne Zugang zu staatlichen Programmen oder zumindest ehemals staatlichen Akteuren der Aufbau eine B-Waffen-Programmes aus dem Nichts heraus für terroristischen Gruppen sicherlich sehr, sehr schwierig wäre. Wenn die an die Öffentlichkeit gegebenen Informationen stimmen, verfügten die verdächtigten Organisationen auch über zivile Tarnfirmen, die für den Aufbau eines Biowaffen-Programms hätten genutzt werden können. Es kann davon ausgegangen werden, dass islamistische Organisationen einen direkten Zugang zu verschiedenen Erregern hatten, die beispielsweise vor dem Golfkrieg im Irak in einem geheimen Biowaffenprogramm hergestellt wurden. In den Besitz von gewissen Mengen an Biokampfstoffen zu gelangen ist jedoch nur der erste Teil eines biologischen Angriffes. Sehr viel schwieriger und selbst für sehr gut organisierte Gruppen mit langjähriger Vorplanung fast unlösbar ist die weiträumige Ausbringung dieser Krankheitserreger. Bei nicht oder nur sehr wenig ansteckenden Krankheiten wie es die meisten klassischen B-Waffen-Erreger sind kann eine Masseninfektion nur dadurch ausgelöst werden, dass diese vielen Menschen direkt mit dem Erreger in Kontakt kommen. Die erfolgversprechendste Methode ist dabei über die Luft als Aerosol, als feiner Bakterienstaub. Allein die Herstellung des Aerosols ist nach Meinung der einschlägigen Fachleute technisch sehr anspruchsvoll, da Teilchen einer ganz bestimmten Größe hergestellt werden müssen. Zu feiner Staub wird wieder ausgeatmet, zu grober Staub gelangt nicht tief genug in die Lungen. Selbst wenn dies im großen Maßstab und von einem Flugzeug aus gelingen sollte, ist es ein reines Lotteriespiel, ob die so erzeugte tödliche Wolke tatsächlich das Zielgebiet erreicht, ohne vorher zu stark ausgedünnt zu werden. Wahrscheinlicher ist nach Expertenmeinung die Verdünnung der Bakterien in der Luft, die Verwehung durch Wind, oder die Zerstörung durch Sonnenstrahlen. Hinzu kommt, dass ein tieffliegendes Sprühflugzeug über einer Stadt mit Sicherheit auffallen und Nachforschungen auslösen wird. Bei einer rechtzeitigen Diagnose lassen sich viele der typischen Biowaffen-Erreger jedoch sehr leicht mit Antibiotika behandeln. Lungen-Milzbrand oder auch die Pest sind nur dann so gefährlich, wenn sie zu spät diagnostiziert werden. Damit bleibt als vorstellbares und nicht mehr auszuschließendes Szenario ein kleinräumiger Angriff, z.B. in geschlossenen Räumen oder U-Bahn-Waggons. Dort kann mit recht einfachen Mitteln Bakterienstaub in einer Plastiktüte oder vermittels einer Sprühdose eine ausreichend hohe Aerosolkonzentration erzeugt werden, um einige wenige Menschen mit dem Kampfstoff zu infizieren. Dies würde trotzdem sicherlich ausreichen, um eine landesweite und andauernde Massenpanik zu erzeugen. Eine besondere Situation gilt für ansteckende Viren. Pocken sind beispielsweise extrem ansteckend, es würde ausreichen, nur wenige Menschen unbemerkt zu infizieren, die die Krankheit weltweit verbreiten würden, bevor sie überhaupt diagnostiziert wird. Eine Behandlung ist bei Viren selbst bei frühzeitiger Diagnose kaum möglich. Allerdings ist einerseits die Produktion von viralen Erregern technisch sehr viel anspruchsvoller als die von Bakterien, zudem muss es als unwahrscheinlich gelten, dass selbst gut organisierte Gruppen Zugang zu Pocken-Erregern haben, die weltweit ausgerottet sind und (offiziell) nur noch in zwei Hochsicherheitslabors in den USA und Russland existieren. Insgesamt betrachtet glauben wird, dass die Weltuntergangsszenarien mit Millionen von Toten und globalen Epidemien auch weiterhin in den Bereich der science fiction gehören, wobei es eine hundertprozentige Sicherheit natürlich nie gibt. Ein lokaler Anschlag, der mehr auf die Erzeugung einer Massenpanik und weniger auf eine tatsächliche hohe Anzahl von Infizierten und Toten abzielt, ist demgegenüber nicht mehr auszuschließen. Auch ein Angriff mit Tierkrankheiten wie MKS als ökonomische Waffe ist technisch vergleichsweise einfach durchzuführen und könnte eine realistische Bedrohung darstellen. |