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Letzte Aktualisierung: Saturday, August 24, 2002

Die Milzbrandbriefe, das FBI und die amerikanische Biowaffenforschung


Manuskript von Jan van Aken für die Sendung "Streitkräfte und Strategien" auf NDR Info Radio am 24. August 2002

Als im vergangenen November die 94jährige Ottilie Lundgren in Oxford, Connecticut starb, konnte niemand ahnen, dass ihr Name schon bald in einem Atemzug mit John F. Kennedy und Olof Palme genannt werden könnte. Ottilie Lundgren starb an Lungenmilzbrand, infiziert durch ein Bakterium, dass von einem bis heute unbekannten Attentäter in Umlauf gebracht wurde. Mindestens vier Briefe voller tödlicher Milzbrandsporen waren im September und Oktober letzten Jahres per Post verschickt worden. Zwei Monate später waren fünf Menschen tot. 17 weitere haben eine Infektion überlebt, über 5000 Menschen mussten vorsorglich medizinisch behandelt werden. Es war der größte und spektakulärste Terroranschlag mit biologischen Waffen seit den Anfängen der Mikrobiologie.

Das FBI ermittelt seitdem ebenso fieberhaft wie erfolglos. Heute gilt die Untersuchung mit dem Codenamen "Amerithrax" als eine der größten in der Geschichte der amerikanischen Bundespolizei. Doch möglicherweise werden die Urheber der Milzbrandbriefe für immer im Dunkeln bleiben. Wie in den Mordfällen Kennedy und Palme stochern die Ermittler hilflos in einem Sumpf aus Politik- und Geheimdienst-Intrigen herum, in dessen Zentrum das amerikanische Biowaffen-Programm steht.

Eines gilt heute als unzweifelhaft: Der oder die Täter haben ihr Handwerk beim amerikanischen Militär gelernt. Die Ermittlungen konzentrieren sich auf Laboratorien, die im Auftrag des US-Militärs am Schutz vor biologischen Waffen arbeiten. Dabei sind in den vergangenen zehn Monaten einige beunruhigende Fakten ans Tageslicht gekommen.

So recherchierte die Tageszeitung "Baltimore Sun" im Dezember, dass in Regierungslabors auch getrocknete, waffenfähige Milzbrandsporen von der gleichen Art hergestellt wurden, wie sie in den Briefen gefunden wurden. Tatort: der Dugway Proving Ground, ein Testgelände der US-Armee in Utah. Später hieß es, das Milzbrandpulver werde für den Test von neuen Biowaffen-Detektoren benötigt. Pikant ist jedoch, dass diese Produktion von waffenfähigem Material nicht den anderen Vertragsstaaten der Biowaffen-Konvention gemeldet wurde, wie es seit 1992 im Rahmen der vertrauensbildenden Maßnahmen eigentlich vorgesehen ist. Andere Vertragsverletzungen der USA, wie der Bau einer Produktionsanlage für biologische Waffen in Nevada oder der Nachbau sowjetischer Biobomben, waren bereits im vergangenen September von der New York Times öffentlich gemacht worden.

Erschreckend auch die Zustände im US Army Medical Reseach Institute for Infectious Diseases, kurz USAMRIID (Anmerkung: gesprochen U-S-AMRID), in Fort Detrick, Maryland. Dort wird in Hochsicherheitslaboren mit den gefährlichsten aller Erreger gearbeitet: Ebola, Lassa, Pest, Milzbrand. Das USAMRIID ist die Zentrale der medizinischen Biowaffen-Forschung der USA. Doch die Zustände erinnern eher an die Spülküche in einer Hafenspelunke. Die Sicherheitsvorkehrungen sind äußerst lax. Ehemalige Mitarbeiter berichten, dass sie noch nach ihrer Entlassung unkontrolliert kistenweise Material aus den Labors herausschleppen konnten. Es wird nur ungenügend Buch über die gefährlichen Erreger geführt. So wurde jetzt bekannt, dass Anfang der 90er Jahre Proben mit gefährlichen Erregern verschwunden waren. Nachweislich arbeiteten einzelne Wissenschaftler heimlich nachts in den Hochsicherheitslaboratorien. Und im April fanden sich in einem Durchgangsflur plötzlich Milzbrandsporen, die dort nichts zu suchen hatten.

Alles in allem zeigt sich das Bild einer kaum von der Öffentlichkeit kontrollierten Biowaffen-Forschung in den USA. Sie wird zudem noch weiter ausufern, nachdem jetzt mehrere Milliarden Dollar zusätzlich für die Biowaffen-Abwehr bewilligt worden sind.

Gerade deshalb wird den Milzbrandanschlägen von führende Biowaffen-Forschern in den USA unverhohlen auch etwas positives abgewonnen.. So sagte der frühere Kommandeur von USAMRIID, David Franz, in einem Fernsehinterview wörtlich: "Ich denke, das hatte auch seine guten Seiten. Wir haben jetzt fünf Tote, aber wir haben 6 Milliarden Dollar zur Verteidigung gegen den Bioterrorismus bereitgestellt." Andernfalls, so die kaltblütige Rechnung, hätten beim nächsten Anschlag vielleicht Tausende oder Millionen Amerikaner sterben müssen.

Ob hier möglicherweise sogar das Motiv des Attentäters liegt oder ob wir es eher mit einem privaten Rachefeldzug zu tun haben, muss aus heutiger Sicht offen bleiben. In jedem Falle deutete schon früh vieles darauf hin, dass die Milzbrandsporen aus amerikanischer Produktion stammen. Indizien dafür lieferten unter anderem der genetische Fingerabdruck der Sporen, die chemische Analyse des Pulvers und vor allem dessen äußerst feine Qualität. Eine Billion Milzbrandsporen fanden die Ermittler in einem Gramm– in dieser Reinheit kann kein Feld-Wald-und-Wiesen-Biologe Milzbrand in getrockneter Form herstellen. Selbst die staatlichen sowjetischen und irakischen Biowaffenprogramme in den 90er Jahren waren dazu nicht in der Lage.

Der Täter musste offensichtlich Zugang zum Know-how aus dem amerikanischen Biowaffen-Programm gehabt haben, Zugang zu entsprechenden Laboren und vor allem Zugang zu einer Impfung gegen Milzbrand – andernfalls hätte er sich zwangsläufig selbst infiziert. Dementsprechend konzentriert sich das FBI auf ehemalige und aktuelle Biowaffen-Forscher. Deren Zahl geht in die Tausende. Doch nach Hunderten von Befragungen, Hausdurchsuchungen und Lügendetektor-Tests wurde die Zahl der Verdächtigen auf 20 bis 30 eingeschränkt.

Öffentlich bekannt ist davon nur ein Name: Steven J. Hatfill. Sein schillernder Lebenslauf und viele indirekte Indizien haben ihn ins Zentrum der Verdächtigungen gerückt. In den 70er und 80er Jahren war er Soldat und Arzt in Eliteeinheiten der rassistischen Armeen Rhodesiens und Südafrikas. Im damaligen Rhodesien lebte er ganz in der Nähe einer "Greendale School" - der gleiche Name war als Absender auf den Milzbrandbriefen angegeben. Für mehrere Jahre hat er in der amerikanischen Biowaffen-Forschung gearbeitet, davon zwei Jahre im USAMRIID, wo er Zugang zu den Milzbrandlabors hatte. Er gab 1999 eine Studie in Auftrag, die die Verbreitung von waffenfähigem Milzbrand mit Hilfe von Briefen untersuchen sollte. Und im August vergangenen Jahres entzog ihm das amerikanische Verteidigungsministerium die Unbedenklichkeitsbescheinigung für die Arbeit an Geheimprojekten. Hier könnte ein mögliches Motiv für einen Racheakt gesehen werden.

Auch wenn vieles auf Hatfill als möglichen Täter hindeutet - bislang wurde kein einziger solider Beweis gegen ihn vorgelegt. Möglicherweise ist Hatfill tatsächlich der rachebesessene Einzeltäter, den viele in ihm sehen. Vielleicht ist er aber auch nur ein Bauernopfer in einem größeren Spiel. Schon machen Verschwörungstheorien die Runde, nach denen eine Gruppe von Geheimdienstlern - mit oder ohne offiziellen Auftrag - die Milzbrandbriefe verschickt hat, um das amerikanische Volk wachzurütteln. Kritische Stimmen in den USA weisen zu Recht darauf hin, dass es vergleichbare Fälle in der Vergangenheit bereits gegeben habe. So starben in den 60er Jahren zwei Menschen an der Westküste der USA an vermeintlich harmlosen Bakterien, die die Armee von Schiffen in der Bay Area aus versprüht hatte - als Test im Rahmen des offensiven Biowaffenprogrammes. Und erst vor wenigen Monaten wurde öffentlich, dass seinerzeit sogar tödliche Chemie- und Biowaffen zu Testzwecken auf verschiedenen Schiffe der US-Marine versprüht wurden, ohne Wissen der beteiligten Soldaten.

Ob nun Einzeltäter oder Geheimbund, in jedem Fall wäre es ein politisches Desaster für die amerikanische Regierung, wenn das eigene Biowaffen-Programm nachweislich und offiziell als Quelle der tödlichen Briefe feststehen würde. Eine politische Einflussnahme auf die Ermittlung liegt da ebenso nahe wie Vertuschungsversuche auf Seiten der Armee-Forscher. Es spricht einiges dafür, dass sich der Tod von Ottilie Lundgren, dem fünften Milzbrandopfer, nahtlos in die Mordfälle Kennedy und Palme einreiht und möglicherweise niemals zweifelsfrei aufgeklärt wird.



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