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Die Bedrohung durch biologische Waffen nimmt zu
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Die Gentechnik und das Militär
von Jan van Aken (erstmals erschienen in Dr. med. Mabuse Nr. 131, Mai/Juni 2001) |
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Noch nie war es so einfach wie heute, eine biologische Waffe zu bauen. Biotechnisches Wissen ist jetzt weltweit verfügbar und die Gentechnik eröffnet ganz neue Potenziale für die Biokrieger doch bislang wird die steigende Bedrohung von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Selbst in den beteiligten Wissenschaften findet der mögliche militärische Missbrauch von neuen Entwicklungen in Biologie und Medizin nur wenig Beachtung. Dabei droht momentan die prinzipielle moralische Ächtung aller biologischer Waffen abzubröckeln. Milzbranderreger und andere potenzielle Biowaffen wurden bereits gentechnisch aufgepäppelt, Killerpilze für den Einsatz im Drogenkrieg in Südamerika und Asien sind fast einsatzbereit, und erste Forderungen nach materialzersetzenden Bakterien als "nicht-tödliche" Waffen werden laut. Gerade angesichts der ungeheuren Eingriffstiefe von Bio- und Gentechnologie sollte jetzt alles daran gesetzt werden, die militärische Nutzung der Gentechnologie und anderer medizinischer Techniken zu verhindern. Krankheit als Waffe ist keine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Im Mittelalter sollen Pestleichen über Stadtmauern geschleudert worden sein, vor 200 Jahren verteilten die Engländer mit Pocken infizierte Pferdedecken an nordamerikanische Indianer die Geschichte der biologischen Waffen ist fast so lang wie die der Kriege. Der mengenmäßig wohl größte Einsatz fand im zweiten Weltkrieg statt, als die japanische Besatzungsmacht in China Tausende Kriegsgefangene bei B-Waffen Experimenten umbrachte und chinesische Dörfer mit Biobomben attackierten. Trotzdem muss bei genauerer Betrachtung festgestellt werden, dass die Geschichte der Biowaffen eher eine Geschichte ihrer Nicht-Anwendung ist. Im Vergleich beispielsweise zu chemischen Waffen wurden Viren und Bakterien nur in sehr wenigen Einzelfällen in Kriegssituationen eingesetzt. Ein Grund dafür ist sicherlich die Tatsache, dass der Einsatz von B-Waffen technisch relativ schwierig ist. Biologische Waffen werden zwar gern als die simpelsten aller Massenvernichtungswaffen dargestellt, jeder halbwegs bewanderte Techniker so die Theorie könne daheim auf dem Küchentisch Milzbranderreger züchten und sie mit einer simplen Spraydose in der U-Bahn einsetzen. Tatsächlich ist die Produktion und der waffenmäßige Einsatz von Krankheitserregern im großen Maßstab jedoch technisch sehr aufwändig und erfordert Spezialistenwissen, das noch vor wenigen Jahren nur wenigen Fachleuten zur Verfügung stand. Schon die Auswahl von waffentauglichen Erregern gestaltet sich schwierig, da die infektiösen Mikroben natürlich auch eine Bedrohung für die eigene Armee und Zivilbevölkerung darstellen. In den sechziger Jahren steckte die Biotechnologi noch in den Kinderschuhen. Wohl nur wenige Länder darunter England und die USA unterhielten ein umfangreiches B-Waffen-Programm und verfügten über das Know-how, große Mengen an Bakterien oder Viren unter kontrollierten Bedingungen zu produzieren und als Waffe einzusetzen. Die technischen Schwierigkeiten und wohl auch grundsätzliche moralische Vorbehalte ebneten seinerzeit den Weg für ein totales Verbot der Erforschung, Entwicklung, Produktion und Lagerung jeglicher B-Waffen gegen Menschen, Tiere und Pflanzen. Die Biowaffen-Konvention wurde 1972 verabschiedet (Bradford 2000) und war über Jahrzehnte ebenso beispielhaft wie einzigartig in dem umfassenden Verbot einer ganzen Waffengattung. Die dual-use Problematik Die Forschung an biologischen Waffen ist mit dem Problem des dual-use behaftet. Fast alles Wissen und jedwede Ausrüstung, die für ein offensives B-Waffen-Programm benötigt wird, hat auch mögliche Anwendungen in der zivilen Forschung. Nur eine hauchdünne Linie trennt offensive und defensive B-Waffen-Forschung. Drei Beispiele: - Das Botulinum-Toxin ist eine potente Toxin-Waffe, die neuerdings jedoch auch in größeren Mengen für medizinische Zwecke produziert wird, zur Behandlung von unkontrollierten Muskelkontraktionen oder als Anti-Falten-Mittel. - Ein zentrales Forschungsfeld des B-Waffen-Schutzes ist momentan die Entwicklung von Nachweissystemen. Aber um zum Beispiel pilzliche Toxine überhaupt nachweisen zu können, müssen sie für die Versuche erst einmal produziert werden. Damit wird im Zuge der defensiven Forschung auch ein offensives Potential die Produktion von Toxinen geschaffen. - Selbst Impfstoffe haben dual-use Charakter. Die Entwicklung eines Impfstoffes gegen Milzbrand wirkt auf den ersten Blick eindeutig defensiv. Möchte ein Angreifer jedoch Milzbrand als Waffe einsetzen, müsste er auch einen Impfstoff für die eigene Streitmacht und Bevölkerung bereithalten. Damit könnte eine Milzbrand-Impfung auch als Hinweis auf ein Offensivprogramm gewertet werden. Ob ein bestimmtes Experiment offensiver oder defensiver Natur ist, liegt allein in der Absicht der jeweiligen Forscher begründet. Dementsprechend beruht die Definition von biologischen Waffen in der Biowaffen-Konvention auf dem so genannten "general purpose criterion. Die Konvention verbietet nicht spezifische lebende Organismen oder Toxine, sondern allein deren Entwicklung für nicht-friedliche Zwecke. Diese Definition hat zwar den Vorteil, unabhängig von bestimmten Erregern oder Techniken jeglichen Einsatz von biologischen Agenzien als Waffe mit einzuschließen, sie macht eine Objektivierung und Verifikation der Konvention aber natürlich sehr schwierig. Die gestiegene Bedrohung Trotzdem schienen die Konvention sowie die globale moralische Ächtung biologischer Waffen stark genug, um über lange Jahre den Aufbau eines Bedrohungspotenzials zu verhindern. In den 1970er und 80er Jahren wurde den biologischen Waffen zu Recht nur ein geringes Bedrohungspotential beigemessen. Konsequenterweise spielten sie auch in den Abrüstungsdebatten in der Hochzeit der Friedensbewegung nur eine marginale Rolle und standen ganz im Schatten der Atomwaffen-Diskussion. In den letzten zehn, fünfzehn Jahren hat sich die Situation jedoch radikal verändert. Anfang der 90er Jahre zeigte sich, dass mit der ehemaligen Sowjetunion und dem Irak mindestens zwei Unterzeichnerstaaten der Biowaffen-Konvention nachweislich offensive B-Waffen-Programme unterhalten haben (Zanders et al. 1999). Hinzu kommt, dass sich das Bild durch die Revolution in der Biotechnologie grundlegend gewandelt hat. Heutzutage gehört es weltweit zur Grundausbildung in der Biologie, Mikroorganismen zu kultivieren oder gentechnisch zu verändern. Weltweit existieren Forschungs- und Produktionsanlagen, die für die Herstellung von B-Waffen nutzbar gemacht werden könnten. Noch nie war es so leicht wie heute, eine biologische Waffe zu bauen. Anders als noch vor 20 Jahren gelten B-Waffen heute als die "Atombomben des kleinen Mannes" - eine technisch mittlerweile relativ einfach herzustellende Massenvernichtungswaffe. Zudem bietet die Gentechnik ein unerschöpfliches Arsenal, biologische Waffen noch effektiver zu machen (BMA 1999). Gentechnik mit biologischen Waffen Tödliche Viren und Bakterien, die Impfungen überwinden, Antibiotika überleben, obskure Krankheitssymptome auslösen und nicht von Nachweissystemen erfasst werden - was nach billigstem Science Fiction klingt, ist tatsächlich schon Realität. Mit Hilfe der Gentechnik wurden bereits Erreger entwickelt, die sehr viel effektivere B-Waffen abgeben als die natürlichen Mikroben. Es wurden Gene für tödliche Gifte auf harmlose Darmbakterien übertragen. Anthrax-Bakterien die Erreger von Milzbrand wurden von russischen Forschern so verändert, dass sie ein verändertes "Gesicht" bekamen (Pomerantsev et al. 1997). Weder Impfungen noch Nachweisverfahren springen auf die veränderten Bakterien an. Es wurden auch wiederholt Gene für die Resistenz gegen Antibiotika auf typische B-Waffen-Erreger übertragen. In der Gentechnik werden derartige Gene zwar routinemäßig als Hilfsmittel eingesetzt. Diese Technik bekommt jedoch eine besondere Brisanz, wenn sie auf tödliche Krankheitserreger angewendet wird, die dann nicht mehr mit den Antibiotika behandelt werden können. Erosion der gesellschaftlichen Ablehnung Trotz des objektiv gestiegenen Bedrohungspotenzials wird die B-Waffen-Problematik von Politik und Öffentlichkeit weiterhin kaum beachtet. Gerade in den betroffenen Wissenschaften Medizin und Biologie ist das Wissen und das Bewusstsein um den möglichen militärischen Missbrauch bestimmter technischer Entwicklungen nur vereinzelt vorhanden. Mehr noch, die prinzipielle moralische Ächtung aller biologischer Waffen scheint langsam aber sicher abzubröckeln. Selbst Unterzeichnerstaaten der B-Waffen-Konvention wie die USA und Großbritannien engagieren sich mittlerweile in fragwürdigen Projekten, bei denen biologische Waffen zur Vernichtung von illegalen Drogenpflanzen eingesetzt werden sollen. Erstmals sollen hochpathogene Krankheitserreger gegen landwirtschaftliche Nutzpflanzen eingesetzt werden. Cocapflanzen und Mohn mögen zwar in den meisten Ländern der Erde verboten sein für die Kleinbauern, die sie anbauen, stellen sie jedoch die Lebensgrundlage dar (van Aken 2000). Der Einsatz dieser Killerpilze würde gegen den Geist und den Wortlaut der Biowaffen-Konvention verstoßen, die jeglichen nicht-friedlichen Einsatz biologischer Mittel gegen Menschen, Tiere oder Pflanzen verbietet. Dies gilt zweifelsfrei auch für innerstaatliche Konflikte, es sind auch keinerlei Ausnahmen für polizeiliche Anwendungen in der Konvention vorgesehen. Derartige Projekte bedrohen den weltweiten, rigorosen Konsens gegen biologischen Waffen. Politische Lösungsansätze Wie lässt sich der gestiegenen Bedrohung nun begegnen? Die Verifikation des B-Waffen-Verbotes stellt sich angesichts der dual-use-Problematik als ungemein schwierig dar. Eine Verifikation ist trotzdem nicht unmöglich, es wurde bereits eine Vielzahl von Mechanismen vorgeschlagen, die einen Verstoß gegen die Konvention zumindest sehr erschweren würden. Sechs Jahre lang verhandelten die Vertragsstaaten der Konvention in Genf über ein Protokoll zur Stärkung der Biowaffen-Konvention. Im August 2001 wurden diese Bemühungen entscheidend zurückgeworfen, als die USA ihre uneingeschränkte Ablehnung des Protokolls in Genf verkündeten. Da die anderen Vertragsstaaten anders als beispielsweise beim Kyoto-Protokoll sich nicht auf ein weiteres Verhandeln ohne die USA einigen konnten, liegt dieser Prozess derzeit auf Eis. Angesichts der steigenden Bedrohung wäre eigentlich eine klare internationale Botschaft zur Ächtung von B-Waffen dringend notwendig. Das vorläufige Scheitern des Protokolls hat das deutliche Signal ausgesendet, dass die B-Waffen-Konvention insgesamt in Frage gestellt ist und möglicherweise ohne große Konsequenzen umgangen werden darf. Die internationale Ächtung biologischer Waffen ist derzeit extrem gefährdet. Bislang ist praktisch jede Schlüsseltechnologie vom Schwarzpulver bis zu Elektronik und Raketentechnologie auch massiv für militärische Zwecke eingesetzt worden (Meselson 2000). Angesichts der ungeheuren Eingriffstiefe von Bio- und Gentechnologie sollte die Menschheit alles daran setzen, den militärischen Missbrauch der modernen Biologie zu verhindern. Jetzt haben wir noch die Chance dazu. |