Sie befinden sich: Infos > Aktuelles > Telegramm_6
Letzte Aktualisierung: Saturday, August 24, 2002
Biowaffen-Telegramm Nr. 6

Psychodrogen des Pentagon.... Pockenausbruch 1971 in der UdSSR... Biowaffen als Begründung für nukleare Erstschlagsdoktrin... Exportkontrollen verschärft... "yellow rain" in Indien..... Informationsstelle Bioterrorismus beim RKI.... Milzbrandbriefe.... Fäkalienbombe in Kolumbien..... ...

Sunshine-Project - Erstellt mit Mitteln der Berghof Stiftung
2. Juli 2002

1. Pentagon forscht an psychoaktiven Drogen als nicht-tödliche Chemiewaffen

Am gestrigen 1. Juli hat das Sunshine Project Teile eines geheimen Forschungsberichtes der US-Militärs über die "Vorteile und Grenzen von sedierenden Drogen ('calmatives') für den Gebrauch als nicht-tödliche Techniken" veröffentlicht. Hier findet sich die englischsprachige Presseerklärung. Eine Reihe von Drogen - von Valium bis hin zur Narkose-Medikamenten und illegalen Drogen - wird dort für eine Reihe von "militärsichen und zivilen" Anwendungen diskutiert, z.B. auch vermittels einer Beimengung ins Trinkwasser.


2. Pockenausbruch 1971 in der UdSSR durch Biowaffen-Versuche ausgelöst?

Ein bislang geheim gehaltener Pockenausbruch in der ehemaligen Sowjetunion geht möglicherweise auf einen Versuch mit Biowaffen zurück. Dies behauptet eine jetzt veröffentlichte Studie amerikanischer Wissenschaftler vom Monterey Institute of International Studies. Danach geriet das Forschungsschiff Lev Berg am 30. Juli 1971 auf dem Aralsee in eine vom Wind verdriftete Wolke von Pockenviren, die auf der nahe gelegenen Versuchs-Insel Vozrozhdeniye erzeugt worden war. Eine damals 24jährige Fischereibiologin erkrankte wenig später an Pocken, nachdem das Schiff wieder im Heimathafen Aralsk angelangt war. Insgesamt wurden dort 10 Personen angesteckt. Zwei Kleinkinder sowie eine junge Lehrerin starben. Diese drei waren nicht gegen Pocken geimpft, während die sieben Überlebenden geimpft waren.

Bislang hat Moskau diesen Pockenausbruch verheimlicht, erstmals hat ein früherer Mitarbeiter des sowjetischen Biowaffenprogrammes im vergangenen Jahr in einem Interview davon gesprochen. General Pyotry Burgasov behauptet, dass der Pockenausbruch durch einen Freilandversuch mit 400 Gramm Pockenviren verursacht wurde.

Der Bericht des Monterey-Institutes bringt zwar einige überzeugende Indizien, aber keine letztendlichen Beweise für die Behauptung, dass der Pockenausbruch auf einen Biowaffen-Versuch zurückgeht. Andere Wissenschaftler wollen nicht ausschließen, dass die Pocken seinerzeit aus Afghanistan eingeschleppt wurden oder einen anderweitigen natürlichen Ursprung hatten.

3. Biowaffen als zentrale Begründung für neue Erstschlagsdoktrin in den USA

Nach einer im Juni veröffentlichten neuen Doktrin schließen die USA die Möglichkeit eines nuklearen Erstschlags nicht mehr aus. Nach der Doktrin wären nukleare Erstschläge das letztmögliche Mittel, die besonders gegen biologischen Waffen eingesetzt würden, da diese am besten mit einer Nuklearexplosion zerstört werden könnten. Die US entwickeln derzeit auch konventionelle Sprengköpfe zur Zerstörung von unterirdischen Bunkern mit Biowaffen. Aber einige Bunker seien derart befestigt, dass für sie Nuklearwaffen benötigt würden. (Washington Post, June 10, 2002)

4. Exportkontrollen verstärkt - Tagung der "Australische Gruppe" am 3.-6. Juni

Die "Australische Gruppe", ein informeller Zusammenschluss von vornehmlich OECD-Staaten zur Koordination von Exportkontrollen, hat auf dem jüngstem Jahrestreffen in Paris verschärfte Kontrollen für dual-use Güter im B- und C-Waffenbereich beschlossen (Pressemitteilung der Australischen Gruppe vom 7.6.). Unter anderem werden jetzt auch kleinere Fermenter (Anlagen zur Produktion von Biomaterial) und eine Reihe von Toxinen in die Exportkontrollen mit einbezogen. Zudem wurde erstmals auch "intangible information", also Wissen, das für Bio- und Chemiwaffenzwecke verwendete werden kann, mit in die Kontrollen einbezogen. Wie das genau aussehen soll, bleibt offen. Der Versuch der englischen Regierung, Kontrollen von "intangibles" einzurichten, stieß kürzlich auf heftige Proteste u.a. von Wissenschaftlern, die einen freie wissenschaftliche Diskussion gefährdet sahen.

5. Chemiewaffen-Angst in Indien war unbegründet

Mitte Juni waren die Regenschauer in der Region westlich von Kalkutta für zwei Tage grünlich gefärbt - sofort entstand der Verdacht, dass chemische oder Toxin-Waffen die Ursache sein könnten. Es stellte sich jedoch heraus, dass es sich dabei nur um Bienenkot handelte. In einem ähnlichen Vorfall war 1981 die damalige Sowjetunion des Einsatzes von Chemiewaffen an der Grenze zwischen Laos und Cambodia verdächtigt worden, als dort der berüchtigte "yellow rain" herunterkam. Auch dabei handelte es sich um Bienenkot. (New Scientist, 22. Juni 2002)

6. Robert Koch-Institut richtet Informationsstelle Biowaffen ein

Das Robert Koch-Institut ist derzeit dabei, ein Fachgebiet "Informationsstelle Bioterrorismus und Biologische Sicherheit" (IBBS) einzurichten. Dort sollen künftig wohl einerseits fundierte Informationen über Bedrohungsszenarien und tatsächliche Risiken überhaupt einmal erst erarbeitet werden und andererseits eine Information der betroffenen Behörden sowie der Öffentlichkeit sichergestellt werden.

7. Milzbrandbriefe

  • Das FBI durchsuchte vergangene Woche das Haus und andere Gebäude von Dr. Steven J. Hatfill, ehemaliger Mitarbeiter im US-amerikanischen Biowaffen-Abwehrprogramm. Das FBI nimmt öffentlich keine Stellung dazu, ob Hatfill als Verdächtiger eingestuft wird oder nicht. Hatfill entspricht sehr genau dem Profil, dass Barbara Rosenberg kürzlich von einem potentiellen Verdächtigen erstellt hat. Näheres dazu in unserer Information vom 27. Juni. Am heutigen 2. Juli hat die New York Times noch weitere Informationen über Hatfill veröffentlicht, unter anderem, dass er über eine abgeschiedene Immobilie verfügte und allen dortigen Besuchern das Antibiotikum Cipro verabreichte. Die New York Times stellt auch die Frage, inwieweit Hatfill in seiner Zeit bei der rhodesischen Armee in den Ausbruch der weltweit größten Milzbrandepidemie 1978-1980 in Rhodesien/Zimbabwe involviert war.

  • Die Milzbrandsporen wurden nach neuesten Analysen des FBI in den vergangenen zwei Jahren produziert und stammen damit nicht aus alten "offensiven" Beständen der US-Armee von vor 1969. (Washington Post 23. Juni)

  • Anfang Juni hat eine konservative NGO in den USA, "Judicial Watch", Klage gegen die Bush-Administration eingereicht. Die Gruppe behauptet, dass hochgestellte Beamte bereits vorher von dem drohenden Biowaffen-Anschlag wussten.


8. Mit Fäkalien versetzte Bombe in Kolumbien

Die kolumbianische Tageszeitung El Espectador berichtete am 4. Juni 2002 über den Fund einer Gas-Bombe, die mit menschlichen Fäkalien versetzt war. Mit einer solchen Bombe würde neben den direkten Schäden durch die Explosion wahrscheinlich auch Infektionen durch die Mikroorganismen in den Fäkalien ausgelöst werden. Laut El Espectador handelte es sich bei der Bombe, die an einer Straße ca. eine halbe Stunde außerhalbs Bogotas gefunden wurde, um ein Produkt der bewaffneten Gruppe FARC, die wohl bereits häufiger Gas-Bomben eingesetzt hat. Nach Polizeiangaben sei dies jedoch der erste Fall gewesen, dass die FARC Fäkalien eingesetzt hat.

9. Diverses

  • Noch immer sind einige frühere Biowaffen-Einrichtungen in Russland vollkommen ungesichert, obwohl dort nach wie vor auch gefährliche Erreger lagern. Dies machte die Washington Post (17. Juni 2002, Russia's poorly guarded past) am Beispiel der Anlage in Pokrov deutlich, in der früher Erreger von Tierkrankheiten wie Maul- und Klauenseuche produziert wurden.
  • Das Wissenschaftsmagazin Science brachte am 14. Juni einen interessanten Hintergrundbericht über das USAMRIID und die dort laufende Forschung (Vol 296, S. 1954).
  • In den USA hat ein Wissenschaftlergremium am 20. Juni eine Durchimpfung der Bevölkerung gegen Pocken abgelehnt, weil das Risiko von Nebenwirkungen zu hoch sei. Allerdings wird die Impfung jetzt Mitarbeitern im Gesundheitswesen angeboten, da sie im Falle einer Pockenepidemie als erste mit den Viren in Kontakt kämen. Die Empfehlung wurde vom Advisory Committee on Immunization Practices ausgesprochen, das die US-Impfpolitik entscheidend mitbestimmt. (New York Times, 21. Juni 2002) Diese Entscheidung - die angesichts des sehr geringen Risikos und der bekannten starken Nebenwirkungen der Pockenimpfung zu begrüßen ist - wird von Teilen der amerikanischen veröffentlichten Meinung stark kritisiert (vgl. "how to prepare for a smallpox attack", New York Times, 23. Juni 2002).
  • Das Pentagon hat Ende Juni eine veränderte Milzbrand-Impfpolitik angekündigt. Die bislang durchgeführte Zwangsimpfung aller US-Soldaten wurde aufgehoben, jetzt müssen nur noch diejenigen Soldaten geimpft werden, die sich mindestens 15 Tage im Jahr in gefährdeten Regionen aufhalten. Zudem wird ein Teil der - noch zu produzierenden Impfbestände - auch für eine zivile Nutzung im Falle eines Milzbrandanschlages eingelagert (New York Times, 28. Juni 2002)


Weitere Informationen finden Sie in unserem Archiv
zurück zur letzten Seite

Top