Termine:
- Vom 13. - 24. Juni 2005 findet ein Expertentreffen der Biowaffenkonvention in Genf statt (zur Vorbereitung des Vertragsstaatentreffens vom 5. - 9. Dezember).
Auf der Agenda: Verhaltenskodizes für WissenschaftlerInnen.
Veröffentlichungen:
- Auf der website www.thememoryhole.org wurden kürzlich bis dato nicht bekannte Details über das offensive Biowaffenprogramm der USA der 60er Jahre veröffentlicht. Es handelt sich um die Titel und Inhaltsverzeichnisse von Air Force-Berichten zu ihren Aktivitäten im Biowaffenbereich. Mehr...
- Jez Littlewood: The Biological Weapons Convention: A Failed Revolution, 2005 - eine Analyse der gescheiterten Verhandlungen über ein Zusatzprotokoll zur Stärkung der Biowaffenkonvention; geschrieben von einem Insider, der von 1998 bis 2002 für das Sekretariat der Biowaffenkonvention in Genf arbeitete.
1. Gentechnik mit Pockenviren: Teilerfolg
Mitgliedsstaaten der World Health Assembly (WHA), die am 25. Mai zu Ende ging, haben die WHO aufgefordert, die auf dem Tisch liegenden Vorschläge zur Ausdehnung von riskanten Experimenten mit Pockenviren sowie Strukturen und Mandat des für diese Vorschläge verantwortlichen Komitees (Advisory Committee on Variola Virus Research / VAC) zu überdenken.
Die meisten der Länder, die sich auf der WHA zum Thema Pockenforschung zu Wort meldeten, äußerten ernsthafte Bedenken gegenüber einer Ausweitung der Forschung. Ihre Forderungen enthielten unter anderem eine klare Terminierung laufender Forschungen, ein neues Datum für die endgültige Zerstörung der bestehenden Vorräte an Pockenviren, mehr Transparenz und strengere Überwachungsmechanismen, die unabhängig sowie wissenschaftlich und regional ausgewogen sein sollten.
Leider wurde auf der WHA nicht über die Empfehlungen des VAC abgestimmt. Das WHO-Sekretariat setzte sich in seiner anschließenden Presseerklärung über die vielen kritischen Stimmen hinweg und erwähnte lediglich, dass die Empfehlungen diskutiert wurden.
Offensichtlich beabsichtigt die WHO jedoch, zumindest einen Teil der geplanten gentechnischen Versuche in Zukunft zu genehmigen. Nur der Plan, Gene von Pockenviren auf andere, verwandte Virenarten zu übertragen, wurde vom Generaldirektor der WHO abgelehnt. (Einen Überblick über die Debatte gibt der Artikel "WHA Gives Yellow Light for Variola Studies" in Science vom 27.05.2005)
Third World Network und Sunshine Project fordern von der WHO, die Bedenken der Mitgliedsstaaten nicht einfach zu ignorieren. Zunächst muss die Struktur des VAC grundlegend reformiert werden. Dabei muss sichergestellt werden, dass WissenschaftlerInnen nicht ihre eigenen Forschungsvorhaben begutachten, dass bislang außer Acht gelassene Aspekte wie Öffentliche Gesundheit und Biosicherheit berücksichtigt werden und eine regionale Balance in der personellen Zusammensetzung hergestellt wird.
Ein in dieser Weise reformiertes VAC sollte neue Vorschläge für den weiteren Umgang mit den vorhandenen Pockenbeständen erarbeiten. Parallel dazu sollte die WHO eine Resolution mit einem neuen Datum für die Zerstörung der Restbestände vorbereiten.
2. Eine dauerhafte UN-Institution zur Verfikation im ABC-Waffenbereich - notwendig und machbar!
Am 10. Mai wurde in New York eine Studie zur Notwendigkeit, den möglichen Aufgaben sowie der Realisierbarkeit einer dauerhaften UN-Institution für die Überwachung der internationalen Abkommen im ABC-Waffenbereich präsentiert. Titel: A STANDING UNITED NATIONS WMD VERIFICATION BODY: NECESSARY AND FEASIBLE.
Diese bislang umfangreichste und sehr fundierte Studie zu einer möglichen Nachfolgeorganisation der UNMOVIC wurde von Trevor Findlay von der kanadischen Carlton Universität erarbeitet. Sie ist hier einsehbar.
Im Kern spricht sich Findlay dafür aus, dass der UN Sicherheitsrat die Einrichtung einer festen Institution zur Kontrolle von Masssenvernichtungswaffen beschliesst, um die einmalige Expertise der UNMOVIC zu erhalten. Das Mandat der UNMOVIC (UN Monitoring, Verification and Inspection Commission) ist ausschließlich auf den Irak begrenzt, deshalb können die Waffeninspekteure der UNMOVIC bislang nicht in anderen Bereichen tätig werden.
Obwohl die UN-Inspektionen im Irak seit dem Kriegsbeginn im März 2003 ruhen, wurde die UNMOVIC bislang noch nicht aufgelöst. Es ist jedoch damit zu rechnen, das der Sicherheitsrat noch im Laufe des Jahres endgültig über die Zukunft der UNMOVIC - aller Wahrscheinlichkeit nach ihre Auflösung - entscheiden wird.
Mehr über die UNMOVIC, ihre Erfolge und die Möglichkeiten einer dauerhaften Institution findet sich hier in einem Hintergrundbericht auf unserer homepage .
3. US-Wissenschaftler will stabileres Botulinum entwickeln
Das National Institute of Allergy and Infectious Disease (NIAID) hat eine Million Dollar für Biowaffen-Abwehrforschung zu Botulinum-Toxin an einen Wissenschaftler des Scripps Research Institute vergeben. Auf der Suche nach therapeutischen Ansätzen gegen das Nervengift des Botulinum-Bakteriums will der Wissenschaftler nach eigenen Angaben zunächst eine stabilere Form des Botulinum entwickeln, weil diese sich leichter erforschen lasse. (Palm Beach Post, 10.05.2005)
Dies ist ein sehr eindeutiges Beispiel für Abwehrforschung wie sie nicht erfolgen sollte. Die Entwicklung eines stabileren Botulinums ist ein offensives Projekt, egal unter welchem Deckmantel sie stattfindet.
4. Tularämieinfektionen: Arbeitsschutzbehörde verhängt Strafgelder gegen Boston University
Die zuständige U.S. Arbeitsschutzbehörde (Labor Department's Occupational Safety and Health Administration / OSHA) hat ihre Untersuchung der Tularämieinfektionen von drei Wissenschaftlern der Boston University abgeschlossen (wir berichteten über den Fall im BW-Telegramm Nr. 35). Sie stellte schwere Verstöße gegen Sicherheitsvorkehrungen fest erforderliche Schutzkleidung sei nicht getragen worden. Die Behörde verhängte ein Strafgeld von 8.100 Dollar gegen die Universität. (OSHA News Release, 09.05.2005)
Weiterhin ungeklärt bleibt unterdessen, warum die Proben, mit denen die Wissenschaftler arbeiteten, entgegen deren Annahme überhaupt virulente Stämme enthielten.
5. Diverses
- Milzbrandbriefe: Die Klage von Maureen Stevens, der Witwe des ersten Opfers der Milzbrandbriefe, gegen die US-Regierung wird nicht abgewiesen. Dies entschied ein U.S. Richter am 18. April. Stevens begründet ihre Klage damit, dass Sicherheitsmängel am USAMRIID (U.S. Army Medical Research Institute of Infectious Diseases) die Milzbrandanschläge überhaupt erst möglich gemacht hätten. Das Urteil des Richters gibt dem Anwalt von Stevens auch das Recht auf Zugang zu Untersuchungs-Unterlagen des FBI, die bislang zurückgehalten wurden.
Auch Stephen Hatfill, der vom FBI öffentlich als Verdächtiger gehandelt wurde und darauf hin eine Klage gegen die Regierung anstrengte, soll gemäß eines richterlichen Urteils vom 21. April Einsicht in bislang unter Verschluss gehaltene Unterlagen der FBI-Untersuchung erhalten. (Palm Beach Post, 14.05.2005)
- Japan will die Vernichtung von Restbeständen seiner chemischen Waffen in China aus dem 2. Weltkrieg beschleunigen und damit einen Beitrag zur Entschärfung der Spannungen zwischen beiden Staaten leisten. (Guardian, 16.05.2005)
- Im Dezember 2004 erschien ein über 600 Seiten starkes Werk zur Biowaffen-Abwehrforschung. Viele der beteiligten AutorInnen stammen vom USAMRIID (U.S. Army Medical Research Institute of Infectious Diseases) - dem Zentrum der US-Biowaffen-Abwehrforschung.
Luther E. Lindler, Frank J. Lebeda, George W. Korch (Ed.): Biological Weapons Defense: Infectious Disease and Counterbioterrorism
Weitere Informationen finden Sie in unserem Archiv
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