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Letzte Aktualisierung: Friday, January 16, 2004

Biowaffen-Telegramm Nr. 22

17. November 2003

Riskante Pockenexperimente ... Rizinforschung an US-Uni ... Butler-Fall ... Schutz vor Bioterror ... Transparenz ...

Erstellt mit Mitteln des Greenpeace Magazins, der Heinrich Böll Stiftung, der Berghof Stiftung für Konfliktforschung,
der Umweltstiftung Greenpeace, der grassroots-foundation sowie der Hatzfeldt-Stiftung

1. Riskante Pocken-Experimente

Wissenschaftler der University of St. Louis haben auf gentechnologischem Weg eine extrem tödliche Form des Mäusepockenvirus, geschaffen. Im Tierversuch starben alle Mäuse, selbst die, die vorher gegen die herkömmlichen Mäusepocken geimpft worden waren. Das Team unter Leitung des Virologen Mark Buller hatte das Gen für Interleukin 4 (IL-4) in den Mäusepockenvirus eingesetzt. Diese genetische Manipulation des Virus setzte das Immunsystem der infizierten Mäuse außer Kraft.

Die US-Forscher wiederholten damit erfolgreich ein bereits 2001 von australischen Forschern durchgeführtes Experiment. Auf der Suche nach einer Sterilisationsmethode für Mäuse waren die australischen Forscher damals von den tödlichen Folgen der Übertragung von IL-4 in den Mäusepockenvirus überrascht worden. Buller schaffte es mit seinem Team, den Killer noch weiter zu "optimieren", so dass 100% der Mäuse starben. Und Buller ging noch einen Schritt weiter: Er führte das Experiment auch an Kuhpockenviren durch, die - anders als die Mäusepocken - auch Menschen befallen können.

Buller rechtfertigt seine staatlich geförderten Forschungen mit der Suche nach neuen Behandlungsmethoden gegen Pocken angesichts der gestiegenen Bedrohung durch Bioterrorismus.

Fatal ist, dass im Rahmen dieser Forschung ein gefährlicher Erreger erst kreiert wird, um dann im gleichen Atemzug die Forschung mit der Suche nach einem Gegenmittel dafür zu rechtfertigen. Buller hat darüber hinaus, insbesondere mit der Übertragung des Experimentes auf den Kuhpockenvirus, das ohnehin riskante und missbrauchsträchtige Experiment der Australier noch gefährlicher gemacht. Entgegen seiner Behauptungen gibt es keine Garantie dafür, dass der von ihm manipulierte Kuhpockenvirus nicht auch das Immunsystem von Menschen unterlaufen kann.

Die Gefahr für einen militärischen Missbrauch der Pockenexperimente ist perspektivisch hoch. Was bisher kaum beachtet wurde: Auch das australische Forscherteam hat seine Experimente mit dem Mäusepockenvirus weiter verfolgt, auch sie entwickelten noch gefährlichere Varianten des genmanipulierten Mäusepockenvirus und übertrugen das Experiment erfolgreich auf Kaninchenpocken. Darüber hinaus stellten sie fest, dass die neu geschaffenen Viren nicht mehr ansteckend von Tier zu Tier sind. Dies ist eine genauso gute wie schlechte Nachricht. Würde der Virus aus dem Labor entweichen, könnte er nicht viel Schaden anrichten. Könnte man diese Ergebnisse aber auch auf Menschenpocken übertragen, würde es diese womöglich noch attraktiver für den Einsatz als Biowaffe machen. Denn in staatlichen Biowaffenprogramme werden bevorzugt nicht ansteckende Keime verwendet. (New Scientist, 29. 10. 2003; New York Times, 01. 11. 2003, ; ein ausführlicher Hintergrundartikel zum Thema außerdem in der Financial Times Deutschland vom 12. 11. 2003)

Der nahezu ungehemmte Wahn, alles im Labor zu machen, was machbar erscheint, nimmt zur Zeit immer gefährlichere Züge an. Erst die Wiederbelebung der Spanischen Grippe, jetzt die neuen Pockenexperimente - anstatt sich in der Debatte um die "Verantwortung der Wissenschaften" auf eine Einschränkung der Publikationsfreiheit zu beschränken, sollten ernsthaft auch punktuelle Beschränkungen der Forschung angestrebt werden.

Wer sich weiter informieren will: In dem neuen Hintergrundbericht "Neue Technologien und die Gefahr durch Biologische Waffen" stellen wir ein breites Spektrum möglicher militärischer Anwendungen von Biotechnologie, Gentechnik und Genomik vor. Zudem werden verschiedene Vorschläge für eine politische Prävention unterbreitet, um einen drohenden militärischen Missbrauch von Gen- und Biotechnologie perspektivisch verhindern zu können. Hier der link zur englischsprachigen Version. Die deutsche Fassung kann als Broschüre bei uns bestellt werden - schicken Sie einfach ein Email an info@sunshine-project.de.

2. Texas Tech University produziert Rizin

In einer Presseerklärung vom 23. Oktober 2003 enthüllt das Sunshine Project, dass sich seit 1995 mehrere Forschungsprojekte an der Texas Tech University (TTU) der Gewinnung von Rizin gewidmet haben. Unter anderem züchtete man eine Rizinuspflanze mit besonders hohem Rizingehalt und entwickelte gleichzeitig eine Anlage, mit der das Gift extrahiert werden kann. Zudem erzeugten die Forscher gentechnisch veränderte Pflanzen, z.B. Baumwolle, die Rizin produzieren.

Rizin gilt als ein potentielles Biowaffen-Agens, auch wenn es aus unserer Sicht im Vergleich zu anderen Biowaffen nur bedingt wirksam ist. Friedliche, biomedizinische Nutzungsmöglichkeiten sind nur sehr begrenzt. Die Forschungen an der TTU übersteigen den Bedarf für medizinische Anwendungen eindeutig, es ist deshalb unklar, welchen Zweck diese Rizinprojekte haben. Misstrauisch macht in diesem Zusammenhang zudem, dass die TTU sich intensiv in der Biowaffen-Abwehrforschung des Pentagon engagiert (siehe hierzu auch Punkt 3).

Als Toxin fällt Rizin sowohl unter das Bio- als auch das Chemiewaffen-Übereinkommen und unterliegt strengen Kontrollen. Der Verdacht eines möglichen Verstoßes besagter Forschungsprojekte gegen die beiden Übereinkommen könnte nur durch eine detaillierte öffentliche Erklärung der TTU zu allen Aspekten ihrer Rizinforschungen aus der Welt geräumt werden. Dieser Fall ist ein weiteres Beispiel dafür, dass nur bei umfassender Transparenz klare Linien zwischen legitimer (ziviler oder defensiver) und verbotener Forschung und Entwicklung gezogen werden können.

Weitere Informationen in unserer englischsprachigen Presseerklärung.

3. Der mysteriöse Fall des Pestforschers Thomas C. Butler

Das Sunshine Project hat in einer Presseerklärung vom 28. Oktober 2003 auf bislang in der Öffentlichkeit nicht erwähnte Informationen im Zusammenhang mit der Klage gegen den Wissenschaftler Thomas C. Butler hingewiesen. Demnach könnte seine Einbindung in das umfangreiche Biowaffen-Abwehrforschungsprogramm der Texas Tech University (TTU) ein Grund für das drastische Vorgehen der amerikanischen Justiz gegen ihn sein.

Das FBI ermittelte gegen den renommierten Pestforscher der TTU, nachdem ihm im Januar 2003 einige Pestproben abhanden gekommen waren. Jetzt muss er sich vor Gericht in insgesamt 69 Anklagepunkten verantworten. Die Anklage könnte ihm lebenslange Haft sowie 17 Millionen Dollar an Strafgeldern einbringen. Verschiedene Vertreter aus Wissenschaft und Forschung protestierten bereits öffentlich gegen das unverständlich hart erscheinende Vorgehen gegen Butler. (Wir berichteten im BW-Telegramm Nr. 20)

Worüber bislang nicht berichtet wurde: An der TTU wird eine umfangreiche, vom Pentagon finanzierte Biowaffen-Abwehrforschung betrieben. Es gibt kaum öffentliche Informationen über das Forschungsprogramm, einige Projekte scheinen sich aber im Graubereich zwischen defensiver und offensiv nutzbarer Forschung zu bewegen. So wird in einem so genannten "threat assessment"-Projekt ein Mix aus verschiedenen Biowaffen-Agenzien hergestellt - ein Unterfangen, das kaum mit einer realen Bedrohung gerechtfertigt werden kann.

Auch Butler arbeitete mit dem Pentagon zusammen und erhielt für seine Pestforschung Gelder von der US-Armee. Es könnte sein, dass ihn sein "Unfall" und der ganze öffentliche Wirbel, den er damit verursachte, für das Pentagon untragbar werden ließ. Sollte Butler sich in umstrittenen Abwehr-Forschungsprojekten engagiert haben, dann könnte der ungeklärte "Verlust" von Pestbakterien nicht nur eine potentielle Gefahr für die öffentliche Gesundheit oder eine mögliche Bedrohung durch Terroristen darstellen. Er könnte sich auch zu einem Fall von internationaler politischer Brisanz entwickeln, wenn dadurch verbotene Forschungsprojekte enthüllt würden. Dies könnte letztlich erklären, warum die TTU ihren berühmten Forscher nun unbedingt loswerden und die Justiz ihn hinter Gitter sehen will.

Angesichts dieser komplexen Interessenslagen enthalten wir uns an dieser Stelle einer Wertung des Falles Butler - möglicherweise ist er weder der Übeltäter, als den ihn das FBI hinstellen möchte, noch das unschuldige Opfer einer staatlichen Überreaktion, das die amerikanische scientific community in ihm sieht.

Nähere Informationen in unserer englischsprachigen Presseerklärung.

4. Schutz vor Bioterror

  • In einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der CDU/CSU hat die Bundesregierung alle vorsorglichen Maßnahmen, die dem Schutz vor potentiellen bioterroristischen Angriffen dienen, aufgeführt. Daraus geht unter anderem hervor, dass die Mittel, die an das Robert Koch Institut für die Bekämpfung bioterroristischer Gefahren gehen, von knapp 3 Millionen Euro in 2002 auf über 9 Millionen Euro in 2003 erhöht wurden. Angekündigt wird auch, dass es zu einer beschleunigten Auslieferung von 367 modernen ABC-Erkundungskraftwagen an die Länder kommen wird. Mit der Schaffung einer selbständigen Behörde, dem "Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe" soll laut Bundesregierung der neuen Bedeutung des Bevölkerungsschutzes Rechnung getragen werden. Die sehr detaillierten Antworten der Bundesregierung (Drucksache 15/1748, 16. 10. 2003) können sie hier einsehen.

  • Das Bundesgesundheitsministerium hat angekündigt, bis Mitte November über einen Vorrat von 80 Millionen Pockenimpfstoff-Dosen zu verfügen. Damit könne beispielsweise im Falle eines terroristischen Angriffs die gesamte deutsche Bevölkerung innerhalb von vier bis fünf Tagen geimpft werden. Bis zum Jahresende soll der Vorrat auf 100 Millionen Dosen aufgestockt werden. (Berliner Zeitung, 31. 10. 2003)
    Laut einer Meldung der Deutschen Welle vom 11. 11. 2003 sollen in 2004 sogar 200 Millionen Dosen zur Verfügung stehen. Bei Bedarf könnten bereits jetzt 2 Millionen Dosen an die WHO abgegeben werden.

  • Im Jahr 2004 wird die erste Phase eines europäischen Sicherheitsforschungsprogramms starten, in der die Biowaffen-Abwehrforschung eine zentrale Rolle spielen soll. (the-scientist.com, 22. 10. 2003)

  • Vertreter der WHO kritisierten die Art und Weise, wie die US-Regierung der potentiellen Bedrohung durch Bioterrorismus begegne. Washington suche primär nationale Lösungen für ein internationales Problem und würde zuwenig in sinnvollere multilaterale Initiativen investieren. Aktuell würde Washington der WHO bereits versprochene Gelder für die Entwicklung eines effektiven internationalen Systems zur Früherkennung des Auftretens von Infektionskrankheiten vorenthalten. (Global Security Newswire, 05. 11. 2003)

5. Transparenz in der US-Biowaffen-Abwehrforschung

Eine Untersuchung der National Institutes of Health (NIH) soll klären, ob die University of Texas mit der Weigerung, Dokumente über ihre Biowaffen-Abwehrforschung öffentlich zugänglich zu machen, gegen Förderrichtlinien der NIH verstoßen hat und mit Sanktionen, wie zum Beispiel dem Entzug von Fördermitteln, rechnen muss. Die Untersuchung wurde aufgrund einer Beschwerde des Sunshine Project veranlasst. Siehe hierzu auch unsere Berichte in den BW-Telegrammen 19, 20 und 21.

Für etwas mehr Transparenz in der Biowaffen-Abwehrforschung der USA soll die neue Initiative des Sunshine Project, der "Bioweapons and Biodefense Freedom of Information Fund", kurz "FOI Fund", sorgen. Der FOI Fund wird Nichtregierungsorganisationen und Wissenschaftler bei der Suche und Beschaffung von öffentlichen Dokumenten zum Thema Biowaffen und Abwehrforschung unterstützen. Mehr hierzu in unserer englischsprachigen Presseerklärung vom 06. 11. 2003 oder der website des FOI-Fund.

6. Diverses

  • Die Vertragsstaatenkonferenz des Biowaffen-Übereinkommens ist am Freitag in Genf zu Ende gegangen. Wir haben noch keine Rückmeldung aus Genf über den Verlauf und das Ergebnis der Konferenz, allerdings war von vornherein von dieser Konferenz wenig mehr zu erwarten als eine Fortsetzung des Dialogs über unverbindliche, nationale Maßnahmen. Verbindliche Verhandlungen über eine Stärkung des Übereinkommens - z.B. durch Inspektionen und andere Verifikationsinstrumente - werden bis zur nächsten turnusmäßigen Überprüfungskonferenz im Jahr 2006 nicht geführt.

  • Der Genforscher Graig Venter behauptet, dass es ihm gelungen sei, das relativ kleine Genom eines Virus, der Bakterien befällt, innerhalb von 14 Tagen künstlich im Labor nachzubauen. Das Experiment wird in den Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht werden. (New Scientist.com, 14. 11. 2003)

  • In einem Bericht des US-Rechnungshofs (General Accounting Office/GAO) werden zahlreiche Mängel bezüglich der Sicherheit im Plum Island Animal Disease Center kritisiert. Beispielsweise sei der Zugang zu gefährlichen Erregern, die auch für die Entwicklung von Biowaffen in Frage kämen, nicht adäquat kontrolliert worden. Hier der Bericht mit dem Titel "Combating Bioterrorism: Actions needed to Improve Security at the Plum Island Animal Center" (GAO-03-847).

  • 2.200 ehemalige und derzeitige Angestellte der Brentwood-Post im Nordosten von Washington haben Klage gegen den U.S. Postal Service eingereicht. Sie werfen den verantwortlichen Postmanagern vor, das Postgebäude noch mindestens vier Tage lang, nachdem sie bereits wussten, dass es mit Milzbrandsporen verseucht war, offen gehalten zu haben. Damit hätten sie die Angestellten wissentlich einer Gesundheitsgefährdung ausgesetzt. Bei der Milzbrandattacke im September/Oktober 2001 waren zwei der vier Milzbrandbriefe durch die Brentwood-Post gegangen. (Washington Post, 16. 10. 2003)

  • Im Prozess gegen die Verantwortlichen für das Giftgasattentat auf die Tokioter U-Bahn 1995 wurde jetzt ein weiteres Todesurteil gefällt. Es ist bereits das 10. Todesurteil, das gegen Mitglieder der Aum-Sekte in diesem Fall verhängt wurde. (CNN.com, 29. 10. 2003)

  • Kakerlaken als Bio- und Chemiewaffenspione: Wissenschaftler der Sandia National Laboratories in New Mexico arbeiten an einer neuen Methode, um versteckte Bio- oder Chemiewaffen zu entdecken: Kakerlaken, die gentechnisch veränderte, mit einem Sensor ausgestattete Hefezellen auf ihrem Rücken tragen. Kakerlaken seien deswegen ausgewählt worden, weil es besonders robuste, auch gegenüber widrigen Umweltbedingungen relativ unempfindliche Tiere seien. (Seattle Post Intelligence, 29. 10. 2003)

  • In Berlin wurde jetzt ein "Kompetenzzentrum für hochansteckende Krankheiten" gegründet. Die neun ehrenamtlichen Mitglieder des Zentrums sollen zuständige Behörden und Ärzte bei der Infektionsvorsorge, aber auch beim Management im Falle des Auftretens solcher Krankheiten beraten. Ziel sei es, die Verbreitung von bekannten oder auch neuartigen Infektionskrankheiten zu verhindern. (Berliner Morgenpost, 11. 11. 2003)



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