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Biowaffen-Telegramm Nr. 16 16. Mai 2003 Waffensuche im Irak ... "nicht-tödliche" Waffen ... US-Patent ... Chemiewaffenkonvention ... Agent Orange ... Milzbrandbriefe |
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-- Erstellt mit Mitteln des Greenpeace Magazins, der Berghof Stiftung für Konfliktforschung, der Umweltstiftung Greenpeace, der grassroots-foundation und der Hatzfeldt-Stiftung --
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Gute Neuigkeiten vorab: Wir machen weiter! Bis vor kurzem sah es ganz so aus, als ob wir unsere Arbeit auf einen Informationsdienst reduzieren müssten. Dank einer großzügigen Spende des Greenpeace Magazins hat sich das Blatt nun gewendet, und wir können auch unsere Recherche- und Forschungsarbeiten weiterführen. Wir freuen uns mit Ihnen auf ein weiteres Jahr Sunshine! Auch Sie können uns unterstützen mit einer steuerabzugsfähigen Spende an das Sunshine Project, Konto Nr. 1250 1252 73, bei der HASPA, BLZ 200 505 50.
1. Waffensuche im Irak Einem Artikel der Washington Post zufolge, herrscht unter den Mitgliedern der Einheit 75 Frustration und Enttäuschung über das Scheitern ihrer Mission. Sie hätten die Worte von Colin Powell vor dem Sicherheitsrat und die Behauptungen des US-Geheimdienstes, über Beweise für Saddams Massenvernichtungswaffen zu verfügen, ernst genommen und erwartet, Hunderte von Tonnen biologischer und chemischer Kampfstoffe, die dazugehörigen Raketen und ein Atomwaffenprogramm zu finden. Dafür seien sie jedem Hinweis nachgegangen, um am Ende jedes Mal wieder mit leeren Händen dazustehen. (Washington Post, 11. 05. 2003) Eine aktuelle Chronik der Misserfolge der US-amerikanischen Waffensuche findet sich in einem von BASIC (British American Security Information Council) herausgegebenen Special Briefing vom 30. April. Das Special Briefing wird je nach Fortgang der Ereignisse im Irak regelmäßig aktualisiert werden. Es bietet auch einen Überblick über die Ergebnisse der Arbeit der UN-Inspektoren vor Kriegsbeginn.
Es bestehen aus unserer Sicht erhebliche Zweifel an der Geschichte, so wie sie vom Pentagon präsentiert wurde, und es kann nicht ausgeschlossen werden, dass es sich hier um eine gezielte Fälschung handelt. Nach Aussagen des Undersecretary of Defense Stephen Cambone (vollständiger Text im eingangs bereits zitierten "Briefing on Weapons of Mass Destruction Exploitation in Iraq") hat ein Team US-amerikanischer und britischer Experten das Fahrzeug geprüft und ist zu dem Schluss gekommen, dass es keinen anderen Zweck erfüllen kann als die Produktion von biologischen Agenzien. Das Fahrzeug sei äußerlich komplett dekontaminiert und frisch gestrichen gewesen, Proben von der Oberfläche hätten bislang keinen Hinweis auf Biowaffen-Agenzien ergeben. Es werde jetzt auseinander genommen und Proben aus dem Inneren würden dann von mehreren Labors unabhängig voneinander analysiert werden. Offen bleibt jedoch, warum am 19. April - zu einem Zeitpunkt, als bereits der gesamte Irak einschließlich Bagdad und Tikrit unter Kontrolle der Alliierten war - ein derart sensibles Objekt durch Kurdistan gefahren sein soll, und wer es mit welchem Ziel dort gefahren haben soll. Wenn das Fahrzeug wirklich einzig und allein für die Produktion von Biowaffen geeignet ist, dann wäre dies auch seinen früheren irakischen Betreibern klar gewesen. Sie hätten sich wohl kaum damit begnügt, es zu desinfizieren und überzulackieren, wenn sie Spuren hätten verwischen wollen. Der neue Anstrich könnte genauso gut ein Hinweis darauf sein, dass das Gerät frisch zusammengesetzt worden ist, gerade um dann von den Amerikanern gefunden zu werden. Stephen Cambone vom Pentagon machte deutlich, dass das gefundene Fahrzeug bis ins Detail den von Colin Powell am 5. Februar im Sicherheitsrat präsentierten Plänen für mobile Biowaffenlabors entspricht. Offen bleibt nur die Frage, was zuerst da war: Powells Pläne oder das jetzt gefundene Mobil. Es bleibt auch festzuhalten, dass der Fund des Fahrzeugs 18 Tage lang geheim gehalten wurde, während bei allen anderen vermeintlichen Funden von biologischen oder chemischen Waffen die US-Militärs oft noch am gleichen Tage Eilmeldungen veröffentlicht haben (die sich dann allesamt meist schon am nächsten Tag als falsch herausstellten). Unklar ist zudem, warum das Fahrzeug für fast drei Wochen in der Region von Mosul verblieben ist und erst jetzt für eine intensivere Untersuchung nach Bagdad gebracht werden soll. Angesichts der Dringlichkeit, mit der das Pentagon derzeit nach nachträglichen Kriegsgründen im Irak sucht, hätte der Fund und die weitere Auswertung dieses Fahrzeugs sicherlich allerhöchste Priorität bei den US-Militärs gehabt. Die angekündigte Einbeziehung eines unabhängigen (d.h. nicht amerikanischen) Labors in die Analyse von Proben aus dem Inneren des Fahrzeugs ist nicht geeignet, entsprechende Zweifel zu zerstreuen. Ohne die Anwesenheit von unabhängigen BeobachterInnen bei der Demontage des Fahrzeugs und der Probennahme ist die Glaubwürdigkeit der Proben von vornherein eingeschränkt. Am 12. Mai verkündete das US-Verteidigungsministerium den Fund eines zweiten, ähnlichen Fahrzeuges nahe der irakischen Stadt Mosul. US-Experten seien dabei, das verdächtige Fahrzeug an Ort und Stelle zu untersuchen, danach solle es ebenfalls nach Bagdad gebracht werden. (Global Security Newswire, 13. 05. 2003) Auf dem 2nd European Symposium on Non-Lethal Weapons des Fraunhofer Instituts für Chemische Technologie (ICT) vom 13. - 14. Mai in Ettlingen wurden zwei Tage lang vor 160 TeilnehmerInnen aus 23 Ländern neue technische Entwicklungen - aber auch rechtliche Bewertungen - im Bereich der so genannten "nicht-tödlichen" Waffen (non-lethal weapons - NLW) vorgestellt. Das Sunshine Project war vor Ort und hat das Symposium vor allem unter dem Aspekt der chemischen und biologischen Waffen verfolgt. Andere auf dem Symposium vorgestellte Waffen wie Taser, Laser, Mikrowellen und ähnliches liegen zu weit außerhalb unseres Arbeitsbereiches, als dass wir das näher bewerten könnten. Das Programm des Symposiums finden Sie hier, auf Wunsch können weitere Details aus einzelnen Vorträgen zugesandt werden. Aus Sicht der C- und B-Waffen sind folgende Diskussionspunkte des Symposiums besonders erwähnenswert:
Auf der ersten Überprüfungskonferenz der Chemiewaffenkonvention vom 28. April - 9. Mai 2003 fand nur punktuell eine Auseinandersetzung über "nicht-tödliche" Chemiewaffen statt. Insidern zufolge wurde das Thema jedoch nicht weiter vertieft, weil man die US-amerikanische Delegation nicht verärgern wollte. Das Internationale Rote Kreuz (IRK), das sich in einer Stellungnahme besorgt über das zunehmende Interesse von Polizei und Militär an "nicht-tödlichen" Chemiewaffen zeigte und die Nicht-Beachtung des Themas durch die Mitgliedsstaaten der Chemiewaffenkonvention kritisierte, wurde kurzfristig von der Teilnahme an der Konferenz ausgeschlossen. (Global Security Newswire 29. und 30. 04. 2003) In einer Stellungnahme am Eröffnungstag äußerten die USA den Verdacht, dass über ein Dutzend Länder über Chemiewaffen verfügen bzw. dabei sind, sich welche zu beschaffen. Konkrete Vorwürfe erhoben sie gegenüber fünf Staaten: Iran und Sudan, beides Vertragsstaaten der Konvention, sowie Libyen, Nord Korea und Syrien als Nicht-Vertragsstaaten. Die iranische Delegation wies die Vorwürfe entschieden zurück und beschuldigte ihrerseits die USA, den Nicht-Vertragsstaat Israel mit riesigen Mengen an Chemikalien zu versorgen sowie eine Mitschuld am Tod von 100.000 iranischen Chemiewaffenopfern durch irakische Giftgaseinsätze während des Iran-Irak-Krieges zu tragen. Gefragt, warum die USA auf der Konferenz keine Waffeninspektionen für die verdächtigten Staaten forderten, antwortete Stephen Rademaker, US-Staatssekretär für Rüstungskontrolle, Waffeninspektionen seien nicht effektiv bei Staaten, die willens seien zu betrügen und bezog sich u. a. auf das Beispiel der Un-Waffeninspektionen im Irak. (Global Security Newswire, 28. 04. 2003 )
Das US-Militär versprühte im Vietnamkrieg mit Agent Orange und anderen Pestiziden doppelt soviel Dioxin als bisher behauptet. Dies fanden WissenschaftlerInnen der Columbia-University in New York nun heraus. Die von ihnen vorgenommene genaue Auswertung der Flugrouten der Sprühflugzeuge offenbart zudem, dass es nicht nur um die Entlaubung von Wäldern ging, sondern auch um die Vernichtung von Reisfeldern, um die vietnamesische Bevölkerung auszuhungern. Noch heute leiden die Menschen dort unter den Spätfolgen der Gifteinwirkung. (Nature, 17. 04. 2003, Vol. 422:681-687, Artikel auf Wunsch bei uns elektronisch erhältlich)
Bei der Untersuchung mehrerer Teiche im Stadtwald von Frederick, Maryland, im vergangenen Dezember und Januar durch das FBI (wir berichteten im BW-Telegramm Nr. 12) wurden einem Artikel der Washington Post zufolge mehrere in Plastik eingewickelte Reagenzgläser sowie eine Klarsichtbox mit Löchern - wohl für den Eingriff mit Laborhandschuhen - gefunden. Ähnliche Kammern mit fest installierten Handschuhen werden üblicherweise für die Arbeit mit gefährlichen Erregern verwendet. Das FBI habe die Funde bisher nicht öffentlich bestätigt, die Stadt Frederick jedoch wissen lassen, dass es ab dem 1. Juni weitere Untersuchungen an Ort und Stelle vornehmen will. Dabei solle einer der Teiche komplett trockengelegt werden. Der Stadtwald von Frederick liegt nur wenige Meilen vom ehemaligen Wohnort des Hauptverdächtigen Stephen J. Hatfill und der Zentrale der US-Biowaffen-Abwehrforschung USAMRIID entfernt. (Washington Post, 11. 05. 2003 )
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