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Letzte Aktualisierung: Tuesday, March 11, 2003

Biowaffen-Telegramm Nr. 14

10. März 2003

Waffeninspektionen in USA ... Bush gibt ok zu Giftgaseinsatz ... Falluja 2 ... Pockenpanik ... Biowaffen-Abwehrforschung ... Postgraduiertenstudium Friedensforschung


Erstellt mit Mitteln der Berghof Stiftung und der

Umweltstiftung Greenpeace

Aktuelle Texte auf unserer homepage:

Weitere aktuelle links:

  • Link zum Blix-Bericht vom 7. März 2003

  • Ein tägliches update über die Arbeit der UNMOVIC-Waffeninspektoren gibt es unter http://www.un.org/apps/news/infocusnewsiraq.asp?sID=8

  • Geheime Regierungsdokumente zur Kooperation zwischen den USA und dem Irak in den achtziger Jahren wurden jetzt veröffentlicht unter http://www.gwu.edu/%7Ensarchiv/NSAEBB/NSAEBB82/index.htm


1. Waffeninspektionen in den USA

Das Waffeninspektoren-Team der kanadischen Friedensinitiative "Rooting out Evil" hat seine Ende letzten Jahres angekündigten Besuche verdächtiger US-Einrichtungen aufgenommen (siehe hierzu auch Biowaffen-Telegramm Nr. 11). Am 23. September stand das Edgewood Chemical and Biological Center, eine Einrichtung des US-Militärs in Aberdeen Proving Ground, Maryland, auf dem Programm, wo unter anderem an biologischen und chemischen Agenzien geforscht wird. Zudem spielt die Einrichtung eine führende Rolle in der Entwicklung so genannter "nicht-tödlicher" Waffen. Beispielsweise wurden hier 81mm Granaten zur Ausbringung von toxischen Chemikalien erprobt. Das 13-köpfige Inspektoren-Team setzte sich aus VertreterInnen von Politik, Wissenschaft, Kirchen und Gewerkschaften aus verschiedenen Ländern zusammen - darunter auch der prominente britische Labor-Abgeordnete Alan Simpson.. Die Inspektoren wollten sich vor allem über Qualität und Umfang der Erregerkulturen und Giftbestände informieren sowie die auf dem Gelände vorhandenen Aerosol- und Gaskammern und Windtunnel inspizieren. Die US-Militärs verweigerten jedoch jegliche Kooperation und verwehrten den Inspektoren den Zugang . (Washington Post, 24. 02. 2003)
Hier gibt es aktuelle updates zur Inspektorenreise.

2. Bush sagt ja zum Einsatz von Giftgas gegen den Irak

Vor wenigen Wochen hat US-Verteidigungsminister Rumsfeld seinen Wunsch kundgetan, so genannte "nicht tödliche" Chemiewaffen gegen den Irak einzusetzen (siehe letztes Biowaffen-Telegramm). Einer Meldung des Independent zufolge, hat Bush als oberster Feldherr mittlerweile sein grundsätzliches Einverständnis dazu gegeben - die Entscheidungsgewalt über den Einsatz liegt nun in den Händen des "commander in the field". Das britische Verteidigungsministerium will damit nichts zu tun haben - es warnte die USA, dass es nicht zulassen würde, dass britische Truppen in den Transport oder die Anwendung von Chemiewaffen involviert würden. (Independent, 02. 03. 2003)

3. Chemieanlage im Irak mit britischer Hilfe von deutscher Firma gebaut

Die Chemiefabrik Falluja 2 - laut Behauptungen der USA und Großbritannien immer noch zentraler Ort der irakischen Chemiewaffenproduktion - wurde 1985 durch die in Dortmund ansässige Firma Uhde GmbH gebaut. Uhde GmbH gehörte damals zum Imperium des deutschen Chemieriesen Hoechst und heute zu ThyssenKrupp. Der Löwenanteil des Auftrags von insgesamt 51 Millionen DM wurde an die britische Tochter Uhde Ltd in Hounslow weitergegeben. Dies, um eine Exportkreditgarantie der britischen Regierung in Anspruch nehmen zu können.

Die Thatcher-Regierung unterstützte den Bau durch die Übernahme der Exportkreditgarantie und zahlte tatsächlich £300 000 Kompensation an Uhde Ltd als die Zahlungen des Irak nach Ausbruch des Golfkriegs ausblieben. Dies alles, obwohl sie wusste, dass der Irak - der zu dieser Zeit bereits Giftgas im Irak-Iran-Krieg eingesetzt hatte - Falluja 2 möglicherweise zur weiteren Giftgasproduktion verwenden würde. Die Kooperation wurde streng geheim gehalten – vor allem die USA sollten davon nichts mitbekommen. Die setzten sich nämlich gerade dafür ein, dass alle Exporte von Materialien, die zur Herstellung von Giftgas dienen könnten, an den Irak gestoppt werden. (Süddeutsche Zeitung, 07. 03. 2003, The Guardian, 06.03.2003 - drei Artikel: Nr. 1, Nr. 2, Nr. 3 )

4. Pockenpanik

Die aktuelle Debatte um die Bedrohung durch Terrorangriffe mit Pockenviren ist von Panikmache und der kurzsichtigen Suche nach technischen Lösungen geprägt. Die viel wichtigere politische Prävention gerät dagegen völlig aus dem Blickfeld. Hierzu der Artikel "Saddams Phantompocken" von Jan van Aken, erschienen in der FAZ am 21. 02. 2003, einzusehen auf unserer homepage - link siehe oben!

5. Biowaffen-Abwehrforschung: Geheimhaltung versus Transparenz

  • 10 Tage lang verschwieg die University of California (UCD) in Davis, dass ein Affe aus ihrem Versuchstierbestand für die Biowaffen-Abwehrforschung entlaufen ist. Erst nachdem ein anonymer Hinweis bei der Lokalzeitung eingegangen war, wurde die Öffentlichkeit auch durch die UCD informiert. Es wurde versichert, dass der Affe nicht infiziert sei.

Vor kurzem hatte die UCD schon einmal den Unmut der EinwohnerInnen von Davis erregt: Sie informierte den Gemeinderat über ihre Bewerbung um staatliche Gelder für die Einrichtung eines Biolabors der höchsten Sicherheitstufe 4 (BSL4) erst kurz vor deren Abgabe. In einem BSL4-Labor darf an hochgefährlichen Erregern wie beispielsweise Ebola gearbeitet werden. Für das geplante Labor an der UCD ist auch vorgesehen, Versuchstiere mit solchen Erregern zu infizieren. Gemeindemitglieder in Davis bezweifeln nun, ob die Informationspolitik der UCD offener gewesen wäre, wenn es sich um einen mit Ebola infizierten Affen gehandelt hätte. Hier eine gemeinsame Presseerklärung verschiedener NROs zum Vorfall an der UCD.

US-Einrichtungen der Bioabwehrforschung waren bislang nicht gerade Vorbilder in Sachen Offenheit und Transparenz. Jetzt, wo die Abwehrforschung enorm ausgebaut wird, ist die Gefahr, dass sich diese Einrichtungen mit ihrer Geheimniskrämerei einer Kontrolle durch die Öffentlichkeit und internationale Abkommen wie die Biowaffenkonvention entziehen, umso beunruhigender. Eine Koalition verschiedener Nichtregierungsorganisationen, darunter auch das Sunshine Project, fordern deshalb von diesen Einrichtungen eine öffentliche Erklärung, dass sie keine geheimen Forschungen durchführen werden und bestimmte Kriterien der Transparenz einhalten. Hier die offenen Briefe, die bislang an die University of California, die University of Texas und die Rocky Mountain Laboratories versendet wurden.

  • Auch die führenden wissenschaftlichen Fachzeitschriften sind mit dem Dilemma Transparenz oder Geheimhaltung konfrontiert. Sie haben sich kürzlich zu einer - wenn auch begrenzten - Selbstzensur durchgerungen, wenn es um die Veröffentlichung von Methoden geht, die als Vorlage für den Bau von Biowaffen dienen könnten (siehe hierzu SZ, 25. 02. 2003; FAZ,18. 02. 2003; Proc. Natl. Acad. Sci. USA, Vol. 100, Issue 4, 1463-1463, February 18, 2003 sowie 1464-1464).

Während das Problem nach Angaben der Verantwortlichen bei den Fachzeitschriften noch relativ überschaubar ist und nur einen winzigen Bruchteil der Fachartikel betreffen würde, könnte diese Entscheidung zur (Selbst-) Zensur ein erster Schritt zu einer weit reichenden Beschneidung sein - mit ebenso weit reichenden Konsequenzen für den Wissenschaftsbetrieb, aber auch für die biologische Rüstungskontrolle.

In einem e-mail-Diskussionsforum für Bio- und ChemiewaffenexpertInnen weist Barbara Rosenberg von der Federation of American Scientists darauf hin, dass im internationalen Gefüge erfahrungsgemäß jede Form von Geheimhaltung auf einer Seite, das Misstrauen der anderen Seite weckt und zu einer Ausdehnung von geheimen Forschungen insgesamt führt. Besser sei es, Forschungsvorhaben, die kein bedeutendes defensives oder anderweitig friedliches Nutzungspotential hätten, schon im Vorfeld zu verhindern. Zu Grundlagenforschungen mit "dual-use"-Charakter sollte jede und jeder weiterhin unbeschränkten Zugang haben, nicht nur wegen ihres positiven Potentials, sondern auch, um gefährliche Entwicklungen rechtzeitig erkennen und bekämpfen zu können.

6. Postgraduiertenstudium "Friedensforschung und Sicherheitspolitik"

Im Anhang an dieses Telegramm finden Sie eine Ausschreibung zum einjährigen Studium des interdisziplinären Postgradualen Masterstudiengangs "Friedensforschung und Sicherheitspolitik" 2003/2004 an der Universität Hamburg. Dieser Studiengang bietet insbesondere Naturwissenschaftlern und Naturwissenschaftlerinnen eine praxisorientierte Einführung in die Bearbeitung friedens- und sicherheitspolitischer Fragestellungen. Der Studiengang wird durch die Deutsche Stiftung Friedensforschung (DSF) gefördert, es werden auch gut dotierte Stipendien vergeben.

7. Diverses

  • Einer unbestätigten Meldung des online-Magazins Newsinsight.net vom 01. 02. 2003 zufolge hat Pakistan eine "nicht-tödliche" Chemiewaffe und möglicherweise auch entsprechende Gefechtsköpfe für eine Anwendung im Kriegsfalle entwickelt. Dies wäre ein Verstoß gegen die Chemiewaffenkonvention.
  • Eine weitere unbestätigte Meldung desselben Magazins vom 15. 02. 2003: Syrien hat sich in geheimen Gesprächen bereit erklärt, Waffeninspektionen durch britische und US-amerikanische Experten zuzulassen. Dies soll einer Entspannung der Beziehungen zu den beiden westlichen Ländern dienen.
  • Das Brentwood-Postgebäude, das nach den Milzbrandbriefen geschlossen wurde, ist nach einer groß angelegten Säuberungs- und Desinfektionsaktion wieder frei von Milzbrandsporen und wird voraussichtlich im Sommer wieder eröffnet. (Washington Post, 05. 03. 2003)


8. Anhang

Ausschreibung zum

einjährigen Studium

des interdisziplinären Postgradualen Masterstudiengangs

"Friedensforschung und Sicherheitspolitik" 2003/2004

an der Universität Hamburg

Dieser Studiengang bietet insbesondere Naturwissenschaftlern und

Naturwissenschaftlerinnen eine praxisorientierte Einführung in die

Bearbeitung friedens- und sicherheitspolitischer Fragestellungen.

Grundsätze und Ziele des Studienganges

Der Postgraduale Masterstudiengang "Master of Peace and Security Policy Studies / Friedens-forschung und Sicherheitspolitik" (M.P.S.) wird durch die im Kooperationsverbund Friedens-forschung und Sicherheitspolitik zusammengeschlossenen friedenswissenschaftlichen Ein-richtungen unter Federführung des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspoli-tik/Centre for OSCE-Research/IFSH-CORE und unter Beteiligung anderer wissenschaftlicher Einrichtungen und Partner durchgeführt. Der Studiengang wird durch die Deutsche Stiftung Friedensforschung (DSF) gefördert.

Der M.P.S.-Studiengang wird trans- und interdisziplinär und praxisorientiert ausgerichtet. Der M.P.S.-Studiengang versteht sich als Kombination von Wissensaneignung und "learning by doing". Ziel des Studienganges ist es, hochqualifizierten Absolventinnen und Absolventen ei-nes geistes- oder naturwissenschaftlichen Studiums an einer deutschen oder ausländischen Universität oder Hochschule sowie akademisch ausgebildeten erfahrenen Praktikern auf an-spruchsvollem Niveau in friedens- und sicherheitspolitische Fragestellungen und in die Grundlagen ihrer praxisorientierten Bearbeitung einzuführen. Anliegen ist es, Methoden und Ergebnisse der Friedensforschung zu vermitteln und dadurch die MA-Studierenden auf Tätig-keiten in der friedenswissenschaftlichen Forschung und Lehre bzw. berufsfeldorientiert (z.B. peace-keeping, monitoring, verification, development aid, mediation, arbitration, conversion, administration) auf eine Tätigkeit bei nationalen und internationalen Organisationen, Verwal-tungen, Verbänden, Unternehmen vorzubereiten. Weitere Informationen zum Studiengang sind verfügbar unter: http://www.ifsh.de/studium/masterdetails.php


Zulassungsvoraussetzungen

Der Studiengang richtet sich an Studierende, die eine Tätigkeit in friedenwissenschaftlichen, friedens- und sicherheitspolitischen Arbeitsbereichen anstreben. Die Bewerberinnen und Be-werber müssen den Abschluss eines akademischen Vollstudiums (Diplom, Magister oder gleichwertiger Abschluss) nachweisen. Bevorzugt berücksichtigt werden Bewerbungen, die Rückschlüsse auf berufliche Interessen und wissenschaftliche oder praktische Erfahrungen in Themenfeldern erlauben, welche sich auf Probleme des Friedens und der internationalen Si-cherheit beziehen. Da Lehre und Forschung in deutscher und/oder in englischer Sprache durchgeführt werden, sind hinreichende Kenntnisse beider Sprachen Voraussetzung. Prü-fungsleistungen, einschließlich Master-Arbeit, können durch die Studierenden wahlweise in englischer oder in deutscher Sprache erbracht werden.

Förderungsmöglichkeiten

Es werden insgesamt 15 Stipendien a € 1.000,- vergeben. Über die Vergabe entscheidet der Zulassungsausschuss, wobei deutsche und nicht-deutsche Bewerber gleichermaßen berück-sichtigt werden. Das Interesse an einem Stipendium sollte in der Bewerbung gesondert be-kundet werden.

Einzureichende Unterlagen:

Tabellarischer Lebenslauf; Zeugnis der allgemeinen Hochschulreife oder das Zeugnis eines gleichwertigen Schulabschlusses; Nachweis über Sprachkenntnisse (deutsch und englisch); Nachweis über akademische Abschlüsse und ggf. Berufserfahrung; Bewerbungsformular (http://www.ifsh.de/studium/bewerbung.php); Einwilligungserklärung zur einmaligen und fristgemäßen Entgeltzahlung gemäß Ordnung des Postgraduiertenstudiengangs vom 3. Juli 2002, Art. 17 in Höhe von € 500,--.

Die Bewerbungsfrist für das akademische Jahr 2003/2004 läuft am

30. April 2003

aus.

Kontakt: Kooperationsverbund Friedensforschung und Sicherheitspolitik

c/o IFSH z.Hd. Prof. Dr. Hans J. Giessmann

Falkenstein 1

D-22587 Hamburg

Weitere Informationen finden Sie in unserem Archiv
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