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Letzte Aktualisierung: Thursday, August 17, 2006

Libanon: Gewebeproben von Todesopfern geben keinen Hinweis auf den Einsatz chemischer Waffen

16. August 2006

Seit Ende Juli 2006 hält sich international hartnäckig das Gerücht, dass die israelische Armee möglicherweise Chemiewaffen im Libanon oder im Gaza einsetzt. Besonders oft zitiert wurde dabei Prof. Bachir Cham von einem Krankenhaus in Sidon, in dem Mitte Juli acht Leichen eingeliefert wurden, die unnatürlich schwarz gefärbt waren, ohne jedoch Verbrennungen aufzuweisen. Prof. Cham informierte daraufhin die internationale Presse und äußerte den Verdacht auf Chemiewaffen. Als international renommierter Herzspezialist fand seine Schilderung weltweit Beachtung.

Am Montag, den 14. August 2006 hat das ARD-Magazin "Report Mainz" einen sehr guten Beitrag zu dieser Frage gesendet. Mit Hilfe von zwei MitarbeiterInnen von medico international hat das Magazin Gewebeproben von den acht Opfern in Sidon erhalten, die vom Institut für Forensische Medizin der Frankfurter Universität untersucht wurden. Die Probenahme vor Ort in Sidon wurde gefilmt, die Proben professionell versiegelt und persönlich nach Frankfurt gebracht. Auf der Basis einer mikroskopischen Analyse befand der Direktor des Forensischen Institutes, dass es sich bei der Schwarzfärbung der Leichen um Ruß handelt, der sich äußerlich auf der Haut abgelagert hatte. Das gesamte Hautgewebe war in allen Schichten unbeschädigt. Wörtlich heißt es in seinem Abschlussgutachten:

"Als Todesursache kann an eine Rauchgasvergiftung oder Sauerstoffmangel durch Feuer in einem mehr oder minder abgeschlossenen Raum gedacht werden, die schwärzlichen Auflagerungen auf der Haut sind nicht zur Erklärung des Todes geeignet.

Ohne eine Obduktion und chemisch-toxikologische Untersuchung des Blutes auf Rauchgase (Kohlenmonoxid, Blausäure) ist die die Todesursache nicht klärbar. Ansonsten fanden sich nirgendwo Spuren thermischer Einwirkungen und das Gesamtbild der Haut bot in allen Schichten ein normales anatomisch korrektes Bild.

(...)

Auch die Einwirkung bekannter Gifte auf die Haut kann ausgeschlossen werden, weil auch dann spezifische Veränderungen zu erwarten gewesen wären, die aber nicht vorlagen. Die Einwirkung von Mikrowellen hätte ebenfalls zu einer Erhitzung des Gewebes mit entsprechenden Veränderungen geführt, die aber gleichfalls fehlten.


Die russartigen Auflagerungen auf der Haut erklären zum Einen die Schwarzfärbung der Leichen, zum Anderen sprechen sie dafür, dass die Betreffenden zu Lebzeiten oder nach dem Tode über einige Zeit einer Rußwolke ausgesetzt waren."

Damit bleibt die Todesursache weiter offen, aber der ursprünglich Grund, der überhaupt erst zu dem Chemiewaffen-Verdacht geführt hat - die Schwarzfärbung der Haut - hat mit der Russablagerung eine ganz einfache Erklärung gefunden. Chemiewaffen, die über die Haut wirken, konnten ausgeschlossen werden.

Nun ist ein negativer Befund in einem Falle natürlich kein Gegenbeweis, aber bei allen Spekulationen über den möglichen Einsatz von chemischen oder anderen verbotenen Waffen im Libanon sollte nicht vergessen werden, dass in fast jedem Krieg jede Seite der jeweils anderen den Einsatz von biologischen oder chemischen Waffen vorwirft - das scheint mittlerweile zum Standard im internationalen PR-Geschäft zu gehören. Manchmal ist etwas dran an diesen Vorwürfen, wie Anfang der 1980er Jahre im Iran-Irak-Krieg, als eine unabhängige UN-Kommission den Einsatz von Chemiewaffen durch den Irak nachweisen konnte. Meist lassen sich solche Verdächtigungen jedoch nicht erhärten. Auch im aktuellen Krieg im Libanon gibt es bislang keinen einzigen Hinweis darauf, dass dort andere als die üblichen grausamen Kriegswaffen eingesetzt wurden: Panzer und Gewehre, Bomben und Granaten....

Der ARD Beitrag (Text und Video) sowie das Gutachten des Forensischen Institutes sind online hier zu finden.


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