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Letzte Aktualisierung: Thursday, August 05, 2004


Geheime Pentagon-Papiere belegen Kontinuität der Entwicklung von 'nicht-tödlichen' Chemiewaffen in den USA

US Marine Corps schickt versehentlich geheime Dokumente an das Sunshine-Project

13. Januar 2004

Dumm gelaufen für das US Marine Corps: In ein und demselben Brief wurden dem Sunshine Project Dokumente über das US-Chemiewaffenprogramm zugesandt und gleichzeitig mitgeteilt, dass diese Dokumente noch unter Verschluss seien und nicht freigegeben werden könnten. Offenbar wurden beim Marine Corps zwei Umschläge miteinander vertauscht.

Die Dokumente belegen eine ungewöhnliche Kontinuität der amerikanischen Versuche, so genannte nicht-tödliche Chemikalien als Waffen zu entwickeln. Sie betreffen Forschungsprojekte aus der Mitte der 1990er Jahre, in denen betäubende Chemikalien entwickelten werden sollten, wie sie vor gut einem Jahr bei der Geiselbefreiung in Moskau eingesetzt wurden. Obwohl in diesen Projektbeschreibungen ausdrücklich erwähnt wird, dass derartige 'nicht-tödliche' Chemiewaffen unter das Chemiewaffen-Übereinkommen (CWÜ) von 1993 fallen, wurden die Projekte doch weiter geführt.

Bis 1992 entwickelte die US-Armee unter dem Projektnamen ARCAD (Advanced Riot Control Agent Device) Betäubungsmittel für den Einsatz als Waffe. 1992 wurde ARCAD mit Blick auf das gerade vollendete CWÜ eingestellt. In den jetzt veröffentlichten Dokumenten heißt es wörtlich, ARCAD wurde beendet: "because of multilateral treaty language restricting the use of riot control agents." Aus den Dokumenten geht jedoch auch hervor, dass trotz des Chemiewaffenverbotes bereits zwei Jahre später die Projekte mit einer fast ungebrochenen Kontinuität fortgesetzt wurden.

Dieser Fall ist ein Lehrbuchbeispiel dafür, wie schnell sich derartige Waffenprogramme innerhalb militärischer Strukturen verselbständigen können und in einer Mischung aus willkürlicher Rechtsauslegung, wissenschaftlicher Neugier und/oder Ignoranz gegenüber den Implikationen des eigenen Tuns selbst politische Weisungen von übergeordneten Stellen missachtet bzw. unterlaufen werden.

Es ist verständlich, dass das Marine Corps diese Unterlagen lieber nicht veröffentlicht sehen möchte. Nachdem das US-Büro des Sunshine Project im September 2001 die entsprechenden Dokumente unter dem US Freedom of Information Act angefragt hatte, beschied das Marine Corps jetzt, nach über zwei Jahren, dass diese Dokumente nicht freigegeben werden könnten. Vielmehr müssten sie zunächst vom 'Directorate for Freedom of Information and Security Review' (DFOISR) des Pentagon unter Sicherheitsaspekten überprüft werden. In dem gleichen Brief befanden sich dann jedoch sowohl die angefragten Dokumente als auch Versionen der Dokumente, in denen verschiedene Stellen geschwärzt waren. Offensichtlich hat der Sachbearbeiter im Marine Corps die Dokumente mit einem entsprechenden Schwärzungsvorschlag an das DFOISR schicken wollen und sie versehentlich in den Sunshine-Umschlag gesteckt.

Hintergrunddetails: Im Rahmen des ARCAD-Programm wurde am Aberdeen Proving Ground in Maryland bis 1992 ein Cocktail aus Opiaten (z.B. Fentanyl) und einem Opium-Antagonisten getestet. Durch den Opium-Antagonisten sollten die lebensgefährlichen Nebenwirkung der betäubenden Opiate gemindert werden. Nachdem dies Programm 1992 zunächst eingestampft wurde, beantragten die beteiligten Forscher 1994 dann beim Joint Non-Lethal Weapons Directorate (JNLWD) des US Marine Corps ein neues Forschungsprojekt, in dem diese Mischung als Aerosol getestet werden sollte. Zudem sollten weitere, neue chemische Substanzen auf ihre Waffenfähigkeit getestet werden, so zum Beispiel einige neue Opiate, die gerade erst von der Firma Glaxo entwickelt worden waren, oder auch eine Substanz, die erfolgreich in der Betäubung von Großwild eingesetzt worden war. Offenbar wurde das Programm über die ganzen 1990er Jahre hinweg fortgesetzt, denn dem Sunshine Project liegt ein Vertrag zwischen JNLWD und die Firma Optimetrics aus dem Jahre 2000 über ein Projekt vor, dass vollkommen deckungsgleich ist mit den Projekten, die bereits 1994 vorgeschlagen wurden. Kein Wunder, denn der zuständige Wissenschaftler bei Optimetrics ist ein früherer C-Waffen-Entwicklung vom Aberdeen Proving Ground, C. Parker Ferguson.

Hier die versehentlich vom Marine Corps zur Verfügung gestellten Dokumente, zusammen mit dem Anschreiben an das US-Büro des Sunshine Project:

Antipersonnel Calmative Agents

Antipersonnel Chemical Immobilizers: Synthetic Opioids

Demonstration of Chemical Immobilizers

Weitere Informationen zum illegalten Chemiewaffen-Programm der US-Militärs finden Sie
hier


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