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Letzte Aktualisierung: Tuesday, February 25, 2003


Saddams Phantompocken

Doppelt mörderische Mischung: Statt Panikmache sollte man Prävention betreiben

von Jan van Aken

Veröffentlicht in "Frankfurter Allgemeine Zeitung", 21. Februar 2003, S. 44, Feuilleton

Saddam Hussein und die Pocken - das ist eine doppelt mörderische Mischung, die in diesen Tagen Gruselszenarien produziert. Die Zahl von fünfundzwanzig Millionen Toten, die eine Freisetzung von Pockenviren in Deutschland fordern würde, zirkuliert. Mit Fakten hat dieses Horrorszenario aber wenig zu tun. Die Wahrscheinlichkeit, daß Pocken in naher Zukunft als Biowaffen eingesetzt werden, ist extrem gering. Keinem potentiellen Attentäter dürfte es gelingen, die tödlichen Viren in die Hand zu bekommen. Die zwei Labore in Rußland und Amerika, in denen heute noch Pockenviren offiziell eingelagert sind, unterliegen strengster militärischer Bewachung.

Alle Gerüchte, nach denen aus der Sowjetunion Pockenviren an verschiedene Staaten geliefert wurden, sind genau das: vage, unbelegte Gerüchte und Vermutungen, für die bis heute nicht einmal der Hauch eines Hinweises präsentiert wurde. Das gilt auch und besonders für den Irak, in dem die UN-Inspektoren in den neunziger Jahren nicht den leisesten Hinweis auf Arbeiten mit Pockenviren gefunden haben, von den für Menschen vollkommen ungefährlichen Kamelpocken einmal abgesehen. Wir können sicher sein, daß der amerikanische Außenminister Colin Powell Anfang Februar vor dem UN-Sicherheitsrat genüßlich entsprechende Informationen über Pocken im Irak ausgebreitet hätte, wenn es sie denn geben würde. Powell mußte sich aber mit einigen selbstgemalten Bildern von mobilen Labors begnügen. Es ist kaum vorstellbar, daß der Bundesnachrichtendienst hier mehr weiß als die amerikanischen Dienste.

Natürlich besteht ein Restrisiko, so gering es auch sein mag. Niemand kann mit Sicherheit ausschließen, daß nicht doch ein Staat sich vor dreißig Jahren dem Gebot der Weitgesundheitsorganisation zur Vernichtung der Pockenbestände heimlich widersetzt hat, oder daß nicht doch nach dem Zusamme nbruch der Sowjetunion Viren für viel Geld den Besitzer gewechselt haben. Es könnte sogar sein, daß jetzt wieder Pockenviren auf natürlichem Wege freigesetzt werden, aus Pockenopfern früherer Zeiten, die seinerzeit in den jetzt wegen der Erderwärmung auftauenden Permafrostböden in Sibirien beigesetzt wurden. Wahrscheinlich ist das alles nicht. Es ist peinlich, daß der Bundestag sich trotzdem zu einer aktuellen Stunde zur Pockenbedrohung hinreißen ließ. Mit der gleichen Berechtigung könnte man dort nächste Woche über die Bedrohung durch Asteroideneinschläge oder eine Invasion von der Wega diskutieren.

Selbst wenn es zum Fall der Fälle kommen würde, müßte das nicht automatisch mit einer globalen Epidemie enden. Es bestehen gute Chancen, einen Pockenausbruch durch sofortige Ring- oder Massenimpfungen begrenzt zu halten. Die Pocken gelten zwar als äußerst infektiös, doch in der Regel ist eine erkrankte Person nur für wenige Stunden ansteckend, bevor die Krankheit dann in voller Stärke ausbricht. Niemand läuft wochenlang unwissend als wandelnde Zeitbombe herum und infiziert ganze Städte.

Wer die Zahl von fünfundzwanzig Millionen Toten in Deutschland in die Welt gesetzt hat, ist ebenso verantwortungs- wie ahnungslos, denn diese Zahl würde nicht einmal in einer völlig ungeimpften und ungeschützten Bevölkerung erreicht. Trotzdem läßt sich nicht wegreden, daß ein Pockenausbruch sich im schlimmsten Fall zu einer unkontrollierten Epidemie mit sehr vielen Todesopfern ausbreiten könnte. Vor allem dann, wenn kein Impfstoff zur Verfügung steht, um die Ausbreitung der Epidemie zu stoppen.

Damit stehen wir vor einem klassischen Dilemma der Risikoabschätzung. Ein Risiko errechnet sich ganz simpel aus Eintrittswahrscheinlichkeit mal Schadenshöhe. Im Fall der Pocken haben wir es auf der einen Seite zwar mit einer äußerst geringen Wahrscheinlichkeit zu tun, auf der anderen Seite droht jedoch ein potentiell unermeßlicher Schaden. In diesem Spannungsfeld hat die Bundesregierung im Laufe des vergangenen Jahres - zumindest auf dem Gebiet der technischen Prävention - tatsächlich das einzig richtige getan: Sich mit Augenmaß und ohne großem Tamtam auf den Fall der Fälle so weit vorzubereiten, daß der Schaden den durch sofortige Impfungen auf ein Minimum reduziert werden kann.

Gefährlich ist an der aktuell grassierenden Pockenpanik neben der unnötigen Beunruhigung der Bevölkerung auch der ausschließliche und kurzsichtige Fokus auf den technischen Schutz. Wie schon vor einem Jahr im Zuge der Milzbrandbriefe, als im wesentlichen über Handschuhe für Briefträger und die Einrichtung neuer Analyselabors diskutiert wurde, beschränken sich auch die gegenwärtigen Aktivitäten auf eine rein technische Dimension. Was nach wie vor vollkommen fehlt sind Ansätze für eine politische Prävention, die auf mittelfristige Sicht sehr viel effektiver ist und überlebenswichtig werden könnte.

Nach allem was wir wissen, verfügt heute kaum ein Land oder eine Terrorgruppe über die Möglichkeiten für den großflächigen Einsatz von Biowaffen. Selbst der Irak war 1991 nach einem mehrjährigen intensiven Entwicklungsprogramm noch nicht in der Lage, biologische Waffen effektiv auszubringen und sie als wirkliche Massenvernichtungswaffe einzusetzen. Insofern können wir jetzt noch mit großer Sicherheit davon ausgehen, daß ein eventueller bioterroristischer Anschlag eher kleinräumig angelegt wäre und nur wenige oder wenige Dutzend Menschen treffen würde - wie bei den Milzbrandbriefen in den Vereinigten Staaten oder wie im März 1995 bei dem Sarin-Anschlag auf die Tokioter U-Bahn, der zwölf Menschen das Leben kostete. Im übrigen wissen wir seit dieser Woche, daß ein Liter Benzin in einem U-Bahnwaggon zehnmal mehr Menschen das Leben kosten kann als die gleiche Menge Nervengas.

Diese relative Sicherheit wird aber schon bald vorbei sein, wenn nicht im Rahmen politischer Präventions-maßnahmen verhindert werden kann, daß andere Staaten jetzt aktiv ein offensives Biowaffenprogramm aufbauen. Dann ist es nur noch eine Sache von wenigen Jahren, bis wir uns auch hier in Deutschland auf eine ganz andere Bedrohungssituation einstellen müssen, bis Bakterien und Viren tatsächlich als Massenvernichtungswaffe eingesetzt werden könnten.

Speziell bei den Pocken kommt die Gefahr hinzu, daß es wohl bald schon gentechnisch möglich sein wird, das Virus anhand der bereits veröffentlichten Gensequenzen im Labor künstlich nachzubauen. Damit hätten eventuelle Übeltäter dann plötzlich doch wieder einen Zugang zu den gefährlichen Pockenviren, der ihnen heute noch verwehrt ist.

Hier ist eine politische Prävention gefordert, die in erster Linie darauf abzielt, große staatliche Biowaffenprogramme von vornherein zu verhindern. Weltweite Offenlegungspflichten für biologische Aktivitäten, Laborkontrollen und andere Mechanismen wie ein Exportmonitoring könnten den Aufbau illegaler Offensivprogramme verunmöglichen oder zumindest massiv erschweren. Damit lassen sich vielleicht keine kleinräumigen bioterroristischen Angriffe auf dem Niveau der Milzbrandbriefe verhindern, aber die wirklich gefährlichen, großflächigen Angriffe mit tödlichen Bakterien oder Viren würden damit sehr viel unwahrscheinlicher.

Es ist ein Armutszeugnis deutscher Politik, wenn den Milzbrand- und Pockenpaniken nun mühsam mit schnellen technischen Lösungen hinterhergehechelt wird, während auf der anderen Seite bis heute nicht einmal Ansätze für eine kreative und aktive Präventionspolitik existieren.

Zu hoffen ist, daß wenigstens Saddams Phantompocken endlich Bewegung in das für eine solche Präventionspolitik zuständige Auswärtige Amt bringen.



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