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Letzte Aktualisierung: Friday, November 07, 2003

Biowaffen-Konvention

Die Anwendung biologischer Waffen ist bereits seit 1925 durch die Genfer Konvention verboten. 1972 wurde ergänzend die "Biological and Toxin Weapons Convention" (BTWC) unterzeichnet, die 1975 in Kraft trat und bislang von 147 Staaten ratifiziert wurde. Sie ist wohl einzigartig in ihrem umfassenden und eindeutigen Verbot einer ganzen Waffengattung. Jegliche Entwicklung, Produktion, Lagerung oder Beschaffung von biologischen oder Toxin-Waffen ist verboten. Artikel 1 der Konvention lautet:

Each State Party to this Convention undertakes never in any circumstances to develop, produce, stockpile or otherwise acquire or retain:

(1) Microbial or other biological agents, or toxins whatever their origin or method of production, of types and in quantities that have no justification for prophylactic, protective or other peaceful purposes.

Neben den klassischen mikrobiellen Erregern schließt dieses Verbot auch andere biologische Agenzien wie z.B. Insekten sowie Toxine ein. Es sind auch keinerlei Ausnahmen für bestimmte Anwendungsszenarien oder Erreger vorgesehen. Die Konvention umfasst Mittel, die gegen Menschen, Tiere, Pflanzen oder Materialien gerichtet sind, und sie ist nicht explizit auf Kriegssituationen beschränkt. Es ist auch keine Ausnahme für den Polizeigebrauch vorgesehen.

Es muss jedoch beachtet werden, dass nicht z.B. Pestbakterien oder Ebolaviren als solche verboten sind – das sind natürliche Erreger, die sich nicht so einfach verbieten lassen. Verboten ist vielmehr die feindselige Entwicklung oder Produktion biologischer Mittel. Nicht bestimmte Arbeiten, sondern der dahinter stehende Beweggrund ("purpose") ist das entscheidende Kriterium für die Unterscheidung zwischen Gut und Böse. Man spricht deshalb auch vom "general purpose criterion", auf dessen Basis in der Konvention Biowaffen definiert sind.

Ein Grund dafür ist das dual-use Problem, die Tatsache, dass fast alle Anlagen und jegliches know-how, das für die Entwicklung von Offensivwaffen benötigt wird, auch friedliche und zivile Anwendungen hat. Selbst die gefährlichsten natürlichen Organismen können auch für nützliche Zwecke eingesetzt werden. Ein Fermenter für die Produktion von Botulinumtoxin zum Einsatz in Schönheitssalons ist erlaubt. Wird jedoch derselbe Fermenter zur Produktion desselben Toxins eingesetzt, um damit Menschen umzubringen, ist das verboten.

Das general purpose criterion umschifft diese Problematik und verbietet rundheraus jeglichen feindseligen Gebrauch. Damit ist wirklich jedes nur denkbare biologische Agens, dass für kriegerische Zwecke eingesetzt wird, von vornherein mit erfasst - selbst neuartige, gentechnisch hergestellte Organismen, die wir heute noch gar nicht antizipieren können.

So umfassend die Biowaffenkonvention auch ist, sie enthält jedoch keinerlei Ansätze für ein effektives Überprüfungs- und Kontrollsystem und ist damit letztendlich ein zahnloser Tiger. Anfang der 1990er Jahre wurde es offensichtlich, dass mindestens zwei Länder gegen die Konvention verstoßen und offensive B-Waffen-Programme unterhalten haben. 1992 gab der russische Präsident Jelzin zu, dass die frühere Sowjetunion im großen Maßstab biologische Waffen entwickelt und produziert hat. Kurz darauf fand eine spezielle UN-Kommission (UNSCOM) im Irak klare Beweise für ein offensives B-Waffen-Programm.

Diese Entdeckungen waren mitentscheidend für die Aufnahme internationaler Verhandlungen um ein Zusatzprotokoll zur Stärkung der Konvention, das im Kern Offenlegungspflichten und Kontrollinspektionen vorsah. Alle Länder sollten Details ihrer biologischen Anlagen und ihrer militärischen Abwehrforschung den anderen Vertragsstaaten mitteilen und für Kontrollen durch unabhängige Inspekteure öffnen, um den Aufbau geheimer Offensivprogramme zu erschweren oder gar unmöglich zu machen.

Doch im August 2001 lehnte die neue amerikanische Regierung das ganze Projekt rundherum ab und erklärte, man werde weder dieses noch irgendein anderes Zusatzprotokoll zur Biowaffen-Konvention unterzeichnen. Vier Monate später ließ die Bush-Administration auch noch die Fünfte Überprüfungskonferenz zur Biowaffen-Konvention platzen. Im November 2002 wurde dann auf einer Folgekonferenz als letzter Strohhalm ein Fahrplan für weitere Verhandlungen vereinbart, bei dem allerdings bis zum Jahr 2006 die wirklich heißen Eisen wie Verifizierung oder Exportkontrollen nicht angefasst werden dürfen.

Das Verbot biologischer Waffen steht angesichts dieser festgefahrenen diplomatischen Situation heute am Scheideweg. Die Revolution in der Biotechnologie, die Entwicklung der neuen "nicht-tödlichen" Biowaffen, die zunehmende Gefahr asymmetrischer Kriege - all das lässt ein biologisches Wettrüsten aktuell wahrscheinlich werden. In dieser zugespitzten Situation reicht eine auf absehbare Zeit nur im Halbschlaf dahinvegetierende Biowaffen-Konvention nicht aus, um der steigenden biologischen Gefahr entgegenzutreten. Eine Stärkung des weltweiten Verbotes von biologischen Waffen ist heute dringlicher denn je.

Hier haben wir einige Texte zur Biowaffen-Konvention, zur letzten Überprüfungskonferenz und zum gescheiterten Verifikations-Protokoll zusammengestellt. Weiter unten finden sich einige Originaldokumente zur Biowaffen-Konvention.

Hintergrundartikel:

Die Biowaffen-Konvention und das Verifikations-Protokoll
Ein einführendes Papier aus dem April 2001

Schlupflöcher in der Biowaffen-Konvention stopfen!
Ein (englischsprachiges) Hintergrundpapier des sunshine project aus dem April 2001

Die Biowaffen-Konvention am Scheideweg
Ein Hintergrundpapier vom 11.11.2001 zur Überprüfungs-konferenz der Konvention,
die am19. November in Genf beginnt und entscheidende Weichen für die weltweite
Ächtung biologischer Waffen stellen könnte. Oder auch nicht.....


Aktuelles in chronologischer Reihenfolge:

23. Okt. 2003 - Biosicherheit und biologische Waffen
Eine Analyse verschiedener Abkommen im Bereich der biologischen Sicherheit und ihre mögliche Relevanz für die Kontrolle biologischer Waffen.

11. Dezember 2002 - 100 Schweigeminuten für den Frieden
Völliges Scheitern der Biowaffenkonvention gerade noch abgewendet. Ein Kommentar zu Verlauf und Ergebnis der Fünften Überprüfungskonferenz im November 2002.

12. November 2002 - Die Überprüfungskonferenz zur Biowaffen-Konvention: Wahl zwischen Pest und Cholera
Für die am 11. November begonnene Konferenz gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder den totalen Eklat, oder die Annahme eines weichgespülten Dokumentes, das der Vorsitzende der Überprüfungskonferenz, Botschafter Tibor Tóth aus Ungarn, den Diplomaten am Montag vorgelegt hat

2. November 2002 - USA blockieren weiterhin die Biowaffen-Konvention
Vom 11.-21. November wird in Genf die Fortsetzung der Fünften Überprüfungskonferenz der Konvention stattfinden. Hier eine Zusammenfassung der Sachlage

19. Sept. 2002 - USA gegen Gespräche zur Biowaffen-Konvention
Die US-Regierung lehnt die für November geplanten Gespräche zur Stärkung des Biowaffen-Verbotes ab und setzt die anderen Vertragsstaaten mit massiven Drohungen unter Druck

15. Juni 2002 - Bundestag zu Biowaffen
Der Bundestag nimmt einen vielversprechenden Antrag von SPD und Grünen an.

09. Dezember 2001 - Alle Räder stehen still, wenn mein starker Arm es will....
USA sprengen Biowaffen-Verhandlungen in Genf - Neue Eiszeit im transatlantischen Verhältnis?


Die USA steuern auf ein biologisches Wettrüsten zu
Ein Kommentar vom 23.10.2001

Verhandlungen zur Stärkung der Biowaffen-Konvention
Ein Vortrag von Iris Hunger, gehalten am 9. Juni 2001 in Dresden

Forderungen an die 5. Überprüfungskonferenz der Biowaffen-Konvention
Ein Vortrag von Jan van Aken, gehalten am 9. Juni 2001 in Dresden

Ohne staatliche Hilfe ist der Bau von Biobomben kaum möglich
Nach den Terroranschlägen fürchten die USA Angriffe mit gefährlichen Erregern, untergraben aber selbst die Ächtung dieser Waffen.
Gastartikel von Jan van Aken in der Frankfurter Rundschau vom 5. 10. 2001

April 2001 Eine Resolution zur Stärkung der Biowaffen-Konvention
Zivile Organisationen rufen alle Regierungen auf, das weltweite Verbot von biologischen Waffen zu stärken.


Offizielle Dokumente
(ohne Gewähr)

Englischer Text der Biowaffen-Konvention

Deutscher Text der Biowaffen-Konvention (PDF-Datei)

Vertragsstaaten der Biowaffen-Konvention im Oktober 2001 (PDF-Datei)

Der "composite text"
Der Kompromisstext des Vorsitzenden der Verhandlungen für ein Protokoll zur Stärkung der Biowaffen-Konvention vom März 2001 (link zur Federation of American Scientists)

Entwurf für die Abschlusserklärung der 5. Überprüfungskonferenz (PDF-Datei)
Stand vom 7. Dezember 2001, bevor die USA die Konferenz zum Platzen brachten. Die Konferenz wird vom 11.-22. November 2002 in Genf fortgesetzt
(Text aus: Disarmament Diplomacy No. 62/January - February 2002)

Ergebnis der 5. Überprüfungskonferenz im November 2002

US-White Paper vom September 2002


Weitere Informationen finden Sie in unserem Archiv
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