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Sie befinden sich: China > Teil 3: Pestopfer klagen an
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Die vergessenen Opfer des Bakterienkrieges
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Teil 3
Die Klage der Pestopfer |
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Im September/Oktober 1941 kam die Pest in die Kleinstadt Yiwu im Herzen von Zhejiang. Heute weiß man, dass sie aus dem ca. 150 km entfernten Quzhou eingeschleppt wurde, sehr wahrscheinlich durch einen Eisenbahnarbeiter, der aus geschäftlichen Gründen in Quzhou war und sich dort offensichtlich angesteckt hatte. Von Yiwu aus verbreitete sich die Pest langsam in die Nachbardörfer und erfasste im Herbst 1943 das Dorf Chongshan, wo die Pest am schlimmsten wütete und in dem die Klage gegen die japanische Regierung ihren Anfang nahm. In Chongshan starben 404 von insgesamt 1200 Einwohnern an der Pest. Dort waren mit Abstand die meisten Opfer in der Region zu beklagen, weil Chongshan seinerzeit verhältnismäßig groß und sehr eng bewohnt war. In fast jeder Familie gab es damals Tote zu beweinen, die Pestepidemie brannte sich tief in das kollektive Bewusstsein des Dorfes ein. Bald nach dem Krieg verfestigte sich die Auffassung, dass die Japaner Schuld an dem Massensterben in Chongshan waren. Anfang der 1990er Jahre entstand in China eine Bewegung von unten, die von Japan Wiedergutmachung für die Kriegsverbrechen forderte. Diese Bewegung erfasste auch Chongshan und die ganze Region um Yiwu. 10.000 Menschen unterschrieben 1994 eine Petition an die japanische Botschaft, in der Wiedergutmachung für die Biowaffenopfer in der Region gefordert wurde. Initiatoren waren drei Bewohner aus Chongshan, darunter die beiden Dorf-Vorsitzenden. 1994 kam eine Gruppe japanischer Friedens-Aktivisten nach Chongshan und bot an, die Bewohner bei einer Klage gegen die japanische Regierung zu unterstützen. Dazu bedurfte es jedoch gerichtsfester Beweise, die den Zusammenhang zwischen dem Biowaffen-Angriff auf Quzhou und einzelnen Opfern in Chongshan wasserdicht belegen konnten. Dafür wurde im Dorf ein Untersuchungskomitee gegründet und eine sehr gründliche Bestandsaufnahme über alle Opfer der Pest in Chongshan begonnen. |
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Jeder Haushalt in Chongshan bekam einen Fragebogen, in dem alle Daten zur Pest, den Toten in jedem Haushalt, die verbrannten Häuser usw. abgefragt wurden. Acht Aktivisten des Komitees, allen voran Wang Jingdi (links) und der ehemalige Dorflehrer Wang Jingdang, sind dann von Haus zu Haus gezogen, haben nachgehakt und die Formulare vervollständigt. Als letzten Schritt in der Qualitätskontrolle wurden alle Fragebögen dann im zentralen Dorfhaus ausgehängt, so dass die Einwohner untereinander eventuelle Lücken oder Widersprüche klären konnten. |
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Wang Jingdi am Mahnmal von Chongshan. Auf der Karte sind alle Pesttoten des Dorfes verzeichnet.
Foto: Matthias Ziegler |
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Foto: Matthias Ziegler
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Wang Binhong, Überlebender der Pest in Chongshan Wang Binhong war 15 Jahre alt, als die Pest sich in Chongshan ausbreitete. Um ihn vor einer Ansteckung zu schützen, schickte seine Mutter ihn mit seinem Bruder in ein Nachbardorf, wo seine Schwester als Magd arbeitete. Dort wurden sie jedoch abgewiesen, aus Furcht vor der Pest. Erst 10 km weiter konnten sie in einem Dorf unterkommen, in dem noch nichts über die Pest in Chongshan bekannt war. Als sie einige Wochen später zurückkehrten, sahen sie schon aus der Ferne eine Rauchsäule über Chongshan - die Japaner hatten mehrere Brände gelegt, um Pesthäuser niederzubrennen und der grassierenden Seuche Einhalt zu gebieten. Kurz nach seiner Rückkehr entdeckte Wang Binhong eine Beule in seiner rechten Leiste, er bekam hohes Fieber. Seine Mutter sagte niemandem etwas und bereitete ihm im Obergeschoss ein Lager, versteckt inmitten des Feuerholzes, das dort aufbewahrt wurde. Sein Vater hatte gehört, dass ein Mann in Yiwu die Pest überlebt hatte, indem er die ganze Zeit über nur Alkohol getrunken hatte. So wurde auch dem jungen Wang Binhong immer, wenn er nach Wasser verlangte, hochprozentiger Schnaps eingeflößt. Mit Akupunkturnadeln stachen sie seine Beulen auf, drückten sie aus und wischten sie mit Alkohol aus. Drei Tage später ging das Fieber zurück und seine Beulen verschwanden. |
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Zhong Shu, Kläger Seine Großmutter starb an der Pest. Sie lebte seinerzeit in Yiwu Stadt, im November 1941 entwickelte sie ein hohes Fieber. Sie hatte am ganzen Körper rote, flache Beulen, dann bekam sie Krämpfe, so stark, dass sie sogar das Moskitonetz zerriss. Innerhalb von 24 Stunden war sie tot. Seine Großmutter war die einzige in der Familie, die an der Pest starb. Der Rest der Familie war vor der Pest aufs Land geflohen, sie musste jedoch zu Hause bleiben, weil sie wegen ihrer traditionell gebundenen Füße kaum gehen konnte. 1996 hörte er erstmals von dem Prozess gegen die japanische Regierung und entschied sich sofort, der Klage beizutreten. "Es geht um unsere Ehre. Ich war der älteste Enkelsohn meiner Großmutter, sie liebte mich sehr". |
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Foto: Matthias Ziegler
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Er sagt, er möchte die Wahrheit ans Licht bringen, die Welt informieren und die Geschichtsbücher neu schreiben. Das sei ihm viel wichtiger als eine offizielle Entschuldigung der japanischen Regierung. Das Geld würde er gar nicht wollen, sondern für einen guten Zweck spenden. Mittlerweile war er vier Mal für den Prozess in Japan, seine Söhne und Verwandten haben ihm die Reisen finanziert. Sein Bild über die Japaner hat sich seither verändert. "Die Menschen dort sind freundlich. Es sind nicht die Menschen in Japan, die schlecht sind". Ein Veteran der Einheit 731 kam nach Yiwu und entschuldigte sich bei ihm, wortlos, sie konnten sich sprachlich nicht verständigen, aber er verbeugte sich tief vor ihm. |
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Der aktuelle Stand der Klage und das Schweigen der japanischen Regierung Insgesamt 180 Kläger fordern von der japanischen Regierung eine offizielle Entschuldigung und eine Entschädigung in Höhe von je 10 Millionen japanischen Yen (umgerechnet ca. 70.000 Euro). Einen ersten Teilerfolg konnten sie 2002 erzielen, als ein Bezirksgericht in Tokio erstmals anerkannte, dass es die Biowaffen-Angriffe in China tatsächlich gab. Wörtlich heißt es im Urteil: "Die Beweise zeigen, dass japanische Truppen, darunter die Einheit 731 und andere, bakteriologische Waffen im Auftrag des Führungsstabes der Kaiserlichen Armee eingesetzt haben und dass viele örtliche Bewohner gestorben sind". Die Forderungen nach Entschädigung und Entschuldigung wurden jedoch abgelehnt. Der Fall liegt jetzt vor dem obersten Gerichtshof in Tokio, eine Entscheidung wird in Kürze erwartet. Das offizielle Japan verschließt bis heute die Augen vor diesem dunklen Kapitel der japanischen Geschichte. Die stereotype Antwort aus dem japanischen Außenministerium lautet, dass es nicht genügend Dokumente gäbe, die die Menschenversuche oder den Einsatz der Biowaffen belegen würden. Ein peinlicher und mehr als fadenscheiniger Versuch, sich der Verantwortung zu entziehen, liegen doch unzählige Dokumente von damals - so zum Beispiel das Imoto-Tagebuch, das den Pestangriff auf Quzhou zweifelsfrei belegt - bis heute fest verwahrt in japanischen Regierungsarchiven. Die Vogel-Strauß-Politik der japanischen Regierung ist nur möglich, weil den mörderischen Wissenschaftlern der Einheit 731 damals, nach dem Krieg, nicht der Prozess durch die Alliierten gemacht worden ist. Anders als in Nürnberg, wo angesichts der Verbrechen der Nazi-Mediziner später ein neuer Verhaltenskodex für Mediziner entwickelt wurde, kamen die Folterforscher aus Japan ungeschoren davon. Das amerikanische Verteidigungsministerium entschied damals, dass die technischen Informationen und Forschungsergebnisse der japanischen Biowaffen-Forscher so wertvoll seien, dass sie auf keinen Fall öffentlich werden und den Sowjets in die Hände fallen dürften. Den Spitzen der Einheit 731, die das Glück hatten in amerikanische Gefangenschaft zu geraten, wurde Straffreiheit gewährt, im Austausch für ihre Biowaffen-Expertise. Aber neben der ignoranten japanischen Regierungspolitik gibt es auch noch das andere Japan, die Friedensaktivisten, Versöhnungsgruppen, fortschrittlichen Historiker und Anwälte, die unermüdlich daran arbeiten, die Wahrheit über die japanischen Kriegsverbrechen ans Licht zu bringen. Der Prozess der Opfer von Chongshan und Quzhou begann mit dem Besuch japanischer Aktivisten, japanische Historiker haben das Imoto-Tagebuch ausgegraben und japanische Rechtsanwälte ihnen einen ersten Teilerfolg vor dem Gericht in Tokio verschafft. "Es gab immer auch die guten Japaner", sagt Wang Xuan aus vollster Überzeugung, "damals wie heute". |
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