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Letzte Aktualisierung: Tuesday, August 29, 2006
Die vergessenen Opfer des Bakterienkrieges
Teil 1

Der Pestangriff auf Quzhou 1940

Am 4. Oktober 1940 warf ein japanisches Flugzeug mit Pest infizierte Flöhe sowie Getreidekörner über der Innenstadt von Quzhou ab. Die Straßen waren übersät davon. Ein reicherer Mitbewohner fand im Teich im Innenhof seines feudalen Hauses einige dieser Flöhe und übergab sie den lokalen Behörden. Heute ist in diesem Haus ein Museum zum japanischen Biowaffenangriff auf Quzhou untergebracht.

Der Innenhof dieses Hauses in der Altstadt von Quzhou war am 4. Oktober 1940 mit Flöhen übersät. Heute ist der Hof ein Treffpunkt der Opfergruppe von Quzhou.

Die Flöhe wurden in den Labors der Provinzregierung untersucht. Dort erkannten die Fachleute, dass es sich um eine Flohart handelt, die auch Pestbakterien übertragen kann. Die Flöhe waren jedoch schon tot und konnten nicht weiter untersucht werden.

Dann begannen die Menschen in der Innenstadt von Quzhou krank zu werden und zu sterben. Da die lokalen Gesundheitsbehörden sich mit der Diagnose nicht ganz sicher waren, informierten sie die Provinzregierung. In der Blutprobe der siebten Erkrankten wurden dann erstmals Pesterreger identifiziert. Daraufhin schickte die Zentralregierung die besten Pest-Experten Chinas nach Quzhou, um die Seuche einzudämmen. Bis zum Jahre 1948 kamen 23 Experten-Teams nach Quzhou, insgesamt 997 Mediziner, darunter 35 Epidemiologen, die besten aus ganz China. Leider sind aufgrund der Kriegs- und Nachkriegswirren keine Proben von damals erhalten geblieben, auch nicht von den Flöhen, die am 4. Oktober in Quzhou gefunden wurden.

Im November 1940 begannen die Behörden, alle Erkrankten in einem Tempel in der Innenstadt unterzubringen, der zu einer Isolierstation umfunktioniert wurde. Es war der Tempel des Gottes für Ackerbau und Medizin, der Urahn der traditionellen chinesischen Medizin.

Innerhalb des ersten Jahres starben 2000 Menschen in Quzhou und der näheren Umgebung, bis 1948 waren es über 5000 Todesopfer. Dies ist belegt durch die Aufzeichnungen der Pest-Bekämpfungs-Einheit der chinesischen Gesundheitsbehörden in Quzhou. Die Mortalität betrug über 90%, Antibiotika standen noch nicht zur Verfügung. Einen Impfstoff gab es zwar, die örtliche Bevölkerung hatte aber kein Vertrauen in die westliche Medizin und wollte sich nichts spritzen lassen. Das medizinische Personal wurde jedoch geimpft und konnte so halbwegs sicher in der Stadt arbeiten.

Der Pestangriff auf Quzhou war der erste militärische Biowaffenangriff der Japaner auf eine chinesische Stadt. Viele weitere sollten noch folgen. Die Idee, pestverseuchte Flöhe und Getreidekörner gleichzeitig abzuwerfen, war von den japanischen Biowaffen-Forschern der berüchtigten Einheit 731 entwickelt worden. Sie betrieben in Ping Fan, einem kleinen Vorort der Millionenstadt Harbin im Nordosten Chinas, ein riesiges Forschungsgelände, in dem unzählige Krankheitserreger auf ihre Eignung als biologische Waffe getestet und neuartige Biobomben entwickelt wurden. In grausamsten Menschenversuchen, die an die Gräueltaten der Nazimediziner in den deutschen Konzentrationslagern erinnern, wurden alle ihre Entwicklungen an Gefangenen getestet.

Die Getreidekörner wurden mit den Flöhen abgeworfen, um Ratten anzulocken, die dann von den Flöhen befallen und infiziert wurden. So wurde ein langfristiger Infektionsherd in der Region etabliert. Einige Bewohner von Quzhou wurden auch direkt von Flöhen gestochen und erkrankten deshalb unmittelbar nach dem Angriff an der Pest.

Diese Porzellanbombe wurde von den Biowaffen-Forschern der Einheit 731 entwickelt. Ausstellungsstück im 731-Museum in Ping Fan.
Foto: Matthias Ziegler
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Wu Tufu

Augenzeuge des japanischen Flugzeugangriffes auf Quzhou

Wu Tufu, geboren ca. 1928, lebt bis heute mit seiner Frau in der kleinen Gasse Chaijia Xiang in der Altstadt von Quzhou. In dieser Gasse waren 1940 in den ersten Wochen der Epidemie die meisten Todesopfer zu beklagen. Seine Schwester war damals das siebte Todesopfer der Pest, der erste medizinisch bestätigte Fall einer Pestinfektion in 1940.

Wu Tufu sah am 4. Oktober das Flugzeug kommen, es kam über das Westtor der Stadt angeflogen. Ungewöhnlich war, dass es ausgesprochen tief flog und keine einzige Bombe abwarf, es gab an dem Tag keine Detonation in Quzhou. Später fanden sich dann all die Flöhe in den Straßen, alle Anwohner mussten damals in der Stadt sauber machen. Nachdem die ersten Nachbarn erkrankten, wurde die gesamte Innenstadt geschlossen und Wu Tufu wurde mitsamt seiner Familie für zwei Wochen zur Quarantäne auf ein Hausboot am Fluß verfrachtet. Ihr Haus wurde damals von den Seuchenbekämpfern niedergebrannt, um die Infektion einzudämmen. Nach dem Krieg hat die Familie es wieder aufgebaut.

Wu Tufu, hier mit seiner Frau, in seinem Haus in der Altstadt von Quzhou. Er sah am 4. Oktober 1940 das Flugzeug, das die pestverseuchten Flöhe abwarf.
Foto: Matthias Ziegler
Dr. Qiu Mingxuan

Ehemaliger Leiter der Gesundheitsbehörde von Quzhou

Qiu Mingxuan war 1940 neun Jahre alt und besuchte die Schule im Zentrum von Quzhou. Einige seiner Mitschüler und auch Verwandte starben an der Pest. Er erinnert sich noch gut an die Wochen, in denen die Pest nach Quzhou kam, weil die Schule seinerzeit geschlossen und dann auf die andere Seite des Flusses verlagert wurde. Niemand durfte mehr in die Innenstadt gehen.

Diese Ereignisse machten einen nachhaltigen Eindruck auf den jungen Qiu Mingxuan. Er beschloss, Arzt zu werden, studierte in der Provinzhauptstadt Hangzhou und kam 1956 zurück nach Quzhou, um als Epidemiologe zu arbeiten und die Pestepidemie in den 1940er Jahren aufzuklären.

Seitdem sammelt er alle nur erdenklichen Daten und Informationen über den Vorfall und ist der wichtigste chinesische Experte für den Pestangriff auf Quzhou 1940.

Dr. Qiu im Labor des Gesundheitsamtes von Quzhou.
Foto: Matthias Ziegler

Ihm ist es zu verdanken, dass die epidemiologischen Daten für die Pestepidemie so gut sind, dass sie als Beweismittel für die Klage der Opfer in Tokio dienen konnten.

Der Verlauf der Epidemie ist kaum mit einer natürlichen Infektion vereinbart und deutet klar auf den Einsatz einer Biowaffe hin: Laut Dr Qiu hat es die Pest in Quzhou vorher nie gegeben, in der ganzen Provinz Zhejiang gab es nur einmal, ca. 1930, eine Handvoll Fälle in einem abgelegenen Bergdorf. Bevor im Herbst 1940 die ersten Menschen starben, wurden keine toten Ratten in der Stadt gesichtet. Das ist ein wichtiger Hinweis auf eine nicht-natürliche Infektion, denn in der Regel sterben zuerst die Ratten an der Pest, bevor deren Flöhe dann die Krankheit auf Menschen übertragen. Die ersten Menschen erkrankten fast gleichzeitig ca. 10 Tage nach dem Abwurf und genau in dem Gebiet, in dem am 4. Oktober nach dem geheimnisvollen japanischen Flugzeug die Flöhe gefunden wurden.

Ein weiterer wichtiger Beleg für die Tatsache, dass es sich wirklich um einen Angriff mit biologischen Waffen handelte, ist ein Originaldokument aus dem Jahre 1940, das Tagebuch des japanischen Offiziers Imoto Kumao. Imoto war Mitarbeiter für Kriegsstrategie im Hauptquartier der japanischen Armee in China, stationiert in Nanjing. Von 1940-1942 war er zuständig für den Kontakt mit der japanischen Biowaffen Einheit 731. In seinem Arbeits-Tagbuch ist schriftlich der Angriff auf Quzhou festgehalten. Das Tagebuch wurde Anfang der 1990er Jahre von einem japanischen Professor in einem Archiv gefunden, bevor es kurz darauf von der japanischen Regierung wieder unter Geheimhaltung gestellt wurde.

Die epidemiologischen Daten sowie das Imoto-Tagebuch waren die entscheidenden Beweise, auf deren Grundlage ein Bezirksgericht in Tokio 2002 erstmals als Fakt anerkannte, dass es japanische Biowaffen-Einsätze in China gab und dass Menschen daran gestorben sind.


Die Spätfolgen

Bis heute beschäftigen die Folgen des japanischen Biowaffeneinsatzes von 1940 die lokalen Gesundheitsbehörden. In der Region Quzhou war das letzte Pestopfer 1948 zu beklagen, durch eine umfassende Impfkampagne konnte die Krankheit zurückgedrängt werden. Die Impfungen wurden 1955/56 eingestellt. Allerdings waren die Ratten noch über Jahrzehnte mit der Pest infiziert und stellen bis heute ein Infektionsrisiko dar.

Noch immer fahnden die Gesundheitsbehörden regelmäßig nach der Pest in den lokalen Rattenpopulationen. Im Auftrag der Zentralregierung, die dieses Pest-Monitoring in allen potentiell gefährdeten Gebieten in China durchführt, werden jährlich hunderte von Rattenfallen an umliegende Dörfer verteilt, jeweils im April, Juni, August und Oktober. Insgesamt werden jährlich mehr als 600 Ratten aus der Region Quzhou untersucht.

Vor Ort werden dann die Flöhe sorgfältig von den Ratten abgekämmt und die jeweilige Flohart bestimmt. Den Ratten wird Blut abgenommen und auf Antikörper gegen Pestbakterien getestet. Hat eine Ratte solche Antikörper, hatte sie sehr wahrscheinlich in der Vergangenheit Kontakt mit Pestbakterien " ein indirekter Hinweis darauf, dass die Erreger in der örtlichen Ratten- oder Flohpopulation noch vorhanden sind. Außerdem wird den Ratten Lungengewebe entnommen und versucht, daraus direkt die Pesterreger zur kultivieren.

In der Region Quzhou wurden das letzte Mal 1990 Antikörper gegen Pestbakterien nachgewiesen - 50 Jahre nach dem Biowaffeneinsatz lebten die Erreger also in der Region weiter. Seitdem gab es keine positiven Proben mehr. Dr. Qiu sagt, dass damit die Pest "gut unter Kontrolle ist", dass man sich jedoch nicht wirklich sicher sein kann, die Pest in der Gegend endgültig ausgerottet zu haben, da immer nur eine kleine Stichprobe der Ratten untersucht wird und sich immer noch in einigen Gegenden kleine Infektionsnester befinden könnten.


Der zweite Biowaffen-Angriff auf Quzhou in 1942

Der Pestangriff 1940 sollte nicht der einzige Angriff mit Biowaffen auf Quzhou bleiben. 1942 setzten die Japaner hier ein zweites Mal biologische Waffen ein, im Zuge des Vergeltungsschlages gegen Flughäfen in Zhejiang (s. unten). Im Gegensatz zum Pestangriff von 1940 ist die Datenlage hier jedoch wesentlich schlechter, da es sich wohl um verschiedene Erreger gehandelt hat und damals kaum verlässliche epidemiologische Daten über die verschiedenen Erkrankungen erhoben werden konnten. Anhand von Todesanzeigen in Zeitungen und anderen Quellen konnte Dr. Qiu jedoch nachweisen, dass zwischen 1940 und 1948 über 300,000 Menschen in der Region Quzhou an Infektionskrankheiten erkrankten, 50,000 von ihnen starben. Diese Zahlen liegen um Größenordnungen über der normalen Erkrankungsrate in der Region.

Teil 2: Die 'rotten leg villages' - Hunderte Überlebende leiden bis heute unter schwärenden Wunden - vier Opfer berichten von den japanischen Angriffen und ihren lebenslangen Schmerzen.

Teil 3: Die Pestopfer von Chongshan klagen an - ein Drittel des Dorfes stirbt an der Pest - ein Überlebender berichtet - die Klage gegen die japanische Regierung - das offizielle Japan schweigt und schaut weg.

Wang Xuan - eine Frau kämpft für die Opfer

Landkarte von China und der Provinz Zhejiang

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